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The Vanishing Of Ethan Carter – Review

Mit The Vanishing Of Ethan Carter wurde auf der diesjährigen gamescom ein Titel angekündigt, der in Punkto Grafik und Story herausragend schien und etliche Leute wie Bluthunde auf den Release warten ließ. Ein unglaublich stimmungsvoller Trailer und erste Einblicke in die Spielmechanik ließen erahnen, dass Entwickler The Astronauts uns diesen Herbst einen Titel erster Güte präsentieren wird.

Gameplane.de hat The Vanishing Of Ethan Carter pünktlich zum Veröffentlichungsdatum ausführlich spielen dürfen und verrät nun, ob die hohen Erwartungen tatsächlich erfüllt werden konnten.

Der Trailer hatte mich gepackt

Mit den ersten Bildern zum Spiel wusste ich, dass ich diesen Titel unter jeglichen Umständen zocken muss. Obwohl zocken hier etwas hochgegriffen ist, denn es ist kein Titel für Zocker, sondern für Liebhaber von Videospielen. Dazu aber später mehr.

Mich packte gleich diese durch und durch melancholische Stimmung des Trailers, diese wunderschöne Gegend von Red Creek Valley, die im krassen Gegensatz zu den üblen Geschehnissen steht, die sich dort zugetragen zu haben scheinen. Ich stehe auf Melancholie und Tiefgang, auf das Besondere. Plumpe Action oder allzu subtiler Horror sind eher nichts für mich.

Ich kann sagen: Ich hatte den richtigen Riecher, denn The Vanishing Of Ethan Carter bietet genau das, was ich erwartet habe.

Die Geschichte handelt von dem Detektiv Paul Prospero, der einen Brief von dem jungen Ethan Carter erhalten hat, der ihn bittet, ihm zu helfen. Prospero, der bereits etliche solcher Aufträge mit links abgehandelt hat, begibt sich also in die Gegend rum um Red Creek Valley, um das Verschwinden des Jungen aufzuklären.

Red Creek Valley ist ein abgelegener Landstrich im Spätsommer, die Sonne steht tief und glitzert durch die Baumwipfel. Der Wind rauscht und trägt Blätter und Staub durch die Luft. Holz knarzt, Wasser plätschert und doch … irgendwie wirkt alles seltsam leblos. Paul scheint der einzig lebende Mensch, nein, das einzige Lebewesen in diesem verwunschenen Winkel der Welt zu sein. Weit und breit findet sich kein Mensch, kein Tier. Keine Vögel, die zwitschern, keine Grillen, die zirpen, keine Fische im Wasser. Die Natur scheint einzige Zeugin der schrecklichen Gewalttaten zu sein, die sich hier zugetragen zu haben scheinen.

Just in dem Moment, als Prospero das Gebiet betritt, wird er um ein Haar von mörderischen Fallen ums Leben gebracht. Dabei handelt es sich nicht etwa um Bären-, Fuchs-, oder Kaninchenfallen, sondern um mannsgroße Gerätschaften, die ihn in Stücke hacken könnten.

Die Spielmechanik sorgt jedoch nur dafür, dass wir uns ein bisschen erschrecken, sterben können wir in The Vanishing Of Ethan Carter nicht. Mulmig wird uns jedoch gleich, denn wir merken, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Menschenfallen?

The Vanishing Of Ethan Carter Zombie

Wir spielen einen Roman

Wir schleichen weiter durchs Unterholz und finden einige Papierschnippsel, die uns darüber informieren, dass vor einiger Zeit das Haus der sechsköpfigen Familie Carter bis auf die Grundmauern abgebrannt sei. Zwei Tote habe es dabei zu beklagen gegeben. Prospero hat Visionen, offenbar beherrscht er übermenschliche Fähigkeiten, steht mit einem Male inmitten von menschlichen Gerippen. Halluziniert er, kann er in die Vergangenheit blicken? Wer ist überhaupt Paul Prospero, über den wir auch im Laufe des Spiels nichts erfahren?

Nach einigen Überlegungen und ersten Informationsfetzen betreten wir eine marode Brücke, die schon lange stillgelegt sein muss. Die Bretter sind morsch, einsam weht behelsmäßig angebrachtes Absperrband im Wind. Zu unseren beiden Seiten glitzert ein See im orangefarbenen Sonnenlicht. Die Szenerie hat etwas postapokalyptisches und es wirkt, als seien wir die einzigen Überlebenden. Schaurig schön, könnte man sagen, denn neben der wirklich beeindruckenden Grafik schwingt atmosphärische Musik im Hintergrund, die mich an jene etlicher Psychothriller erinnert. Die Familie, im Landhaus, alleine, der irre Nachbar, die spielenden Kinder, das latente Gefühl der Bedrohung. Und auch bei The Vanishing Of Ethan Carter fühlen wir uns dauerhaft bedroht, obwohl ich bereits nach kurzer Zeit ahne, dass mir in diesem Spiel niemals etwas passieren wird.

Auch nicht, als ich am Ende der Brücke eine rostige Tram vorfinde, an deren Front sich frische Blutspritzer befinden. Ups, sofort rasen Paul Prosperos Gedanken. Ein Unfall, ein Tier, ein Mensch, was ist hier passiert? Seine Gedanken und Ideen ziehen vor seinem geistigen Auge Kreise. Auf uns als Spieler hat das kaum Auswirkungen, denn unsere Beteiligung hält sich im Großen und Ganzen ziemlich in Grenzen.

Prospero wandert weiter und entdeckt einen Leichnam. Damit bestätigt sich, dass Ethan Carters Verschwinden mehr ist als ein normaler Fall. Mit seinem detektivischen Gespür zählt Paul Eins und Eins zusammen, wobei wir ihm helfen, die logische Reihenfolge eines Handlungsablaufs zu bestimmen. Fesselte das Opfer zuerst Ethan Carter an die Gleise, wurde es dann vom Großvater des Jungen erschlagen oder unterhielt es sich zuerst mit dem Großvater und fesselte dann den Jungen? Hier müssen wir überlegen und ausprobieren, was am Logischsten erscheint.

Derlei Rätseleinlagen geschehen im Laufe des Spiels etwa ein halbes Dutzend Mal und sind nie besonders schwer. Dabei laufen vor Prosperos Augen die Taten in Echtzeit ab, wie Geister schweben die Körper der handelnden Personen vor ihm und stellen einen bestimmten Punkt einer Szene dar. Ist das Rätsel schließlich gelöst, offenbaren sich schier unglaubliche Begebenheiten. Offenbar ist die Familie Carter verrückt geworden und hat es auf ihren Sohn Ethan abgesehen. Dauernd wird etwas von einem Schläfer gefaselt, weshalb der eine ums andere das Leben lassen muss.

The Vanishing Of Ethan Carter Secret Room

Viel gucken, wenig machen

Prosperos Weg führt ihn zum verfallenen Haus der Carters, zu einer mysteriösen Villa mit einem Geheimzimmer, in einen Hexenwald, in eine Mine und so weiter. Nicht viele aber einige wirklich interessante und allesamt faszinierende Orte erwarten uns in The Vanishing Of Ethan Carter, wobei jedoch nur die spielerisch relevanten Orte auch Möglichkeiten zum Interagieren bieten. Interagieren bedeutet: Zettel lesen und über Dinge nachdenken.

Hier hätten dem Spieler eindeutig mehr Möglichkeiten geboten werden müssen, um, nun, zu spielen. Denn so wunderschön und mystisch dieses Spiel auch ist, es ist vielmehr eine Kurzgeschichte, in der wir die Protagonisten beobachten und Paul Prospero als unsere Augen nutzen. Wir begleiten ihn, erleben, was passiert zu sein scheint. Es gibt kein Interface, keine Lebensanzeige, kein Inventar – nichts. Durchaus realistisch, wir werden von keinerlei spielerischen Elementen abgelenkt und können uns voll und ganz auf die Geschichte konzentrieren.

Neben den Morden, die wir zu ergründen versuchen, beinhaltet die Welt auch noch einige andere kleine Rätsel, die unbedingt gelöst werden wollen, wenn wir am Ende das Spiel zum Abschluss bringen möchten. Bei jenen alternativen Rätseln handelt es sich um real gewordene Geschichten, die einst Ethan Carter zu Papier gebracht hatte. So verfolgen wir bei einer Aktion einen Astronauten durch den Wald (mit großer Sicherheit eine Anspielung auf Entwickler The Astronauts) und werden daraufhin … na, ich möchte nicht zu viel spoilern. Ein anderes Mal haben wir es mit einer Hexe zu tun, dann wiederrum müssen wir ein Horror-Rätsel bestreiten, das uns an Spiele wie Amnesia oder Outlast erinnert. Ich sage euch: Bei diesem Rätsel blieb mir fast die Luft weg.

Am Ende packt uns The Vanishing Of Ethan Carter noch einmal so richtig am Schopfe, denn die Auflösung des Ganzen ist überraschen und wir bleiben mit einem Klos im Hals zurück.

The Vanishing Of Ethan Carter Octopus

Neben der kaum vorhandenen Möglichkeit, das Spiel durch unsere Skills zu beeinflussen gibt es einen weiteren, aber umso dickeren Wermutstropfen: die Spielzeit. Nach rund drei Stunden ist das Spielvergnügen vorbei. Keine Boni, kein Multiplayermodus (wofür auch?), keine versteckten Extras in den Wäldern (das hätte ich cool gefunden), keine freischaltbaren Making-Of-Secrets, einfach nichts. Nach der Ankündigung und den Erwartungen, die das Spiel in uns weckte, ist die kurze Spielzeit eine herbe Enttäuschung, gerade bei einem Preis von knapp zwanzig Euro.

The Vanishing Of Ethan Carter ist ein Kunstwerk, das eine Geschichte zu erzählen hat, an der wir teilhaben dürfen. Vielleicht hätte es mehr spielerische Möglichkeiten geben müssen, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht darf The Vanishing Of Ethan Carter auch einfach so sein, wie es ist, denn das, was uns geboten wird und vorhanden ist, das ist großartig.

Und ein bisschen Hoffnung darf man ja noch immer haben, dass es irgendwann mal einen DLC geben könnte. Ich wäre sofort dabei.

The Vanishing Of Ethan Carter Space

The Vanishing Of Ethan Carter
Eigenwillig
The Vanishing Of Ethan Carter ist ein Kunstwerk mit atemberaubender Optik und einem durchdringenden Sound. Wir erleben eine spannende und überraschende Geschichte, bei der die Möglichkeit des konkreten Spielens jedoch ein wenig auf der Strecke bleibt. Die extrem kurze Spielzeit schreckt jene ab, die ein ausgedehntes Abenteuer erleben wollen. Wer auf alternative Spiele und viel Stimmung steht, für den ist The Vanishing Of Ethan Carter genau richtig.
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Ein Kommentar

  1. Benjamin Fleschenberg
    Benjamin Fleschenberg

    Fand das Spiel doch etwas enttäuschend. Ich hätte mir da doch mehr Gameplay (nicht nur mehr als 3-4 Stunden) und weniger interaktiver Geschichteg ewünscht. Spielerisch hätte ich sehr gerne mehr und tiefgreifendere Rtäsel gewünscht. Das es davon so relativ wenig gibt ist besonders schade, weil die Mechaniken durchaus gut und interessant sind.

    Es ist zwar angenehm das man relativ offen die Spielwelt erkunden kann und es so gesehen keine feste Reihenfolge gibt die man abklappern muss. Allerdings läuft man oft Gefahr das man hier und da einzelne Sachen verpasst, obwohl man die gesamte Spielwelt erkundet hat und man dann bevor man das Ende erreicht, sehr oft bereits besuchte Orte wieder abklappern muss.

    Klar ist das spiel grafisch sehr gut, besonders wenn man bedenkt das hier die angestaubte U3 Engige zum Einsatz kommt. Aber das Spiel ruht sich meiner Meinung nach hier und da doch etwas zu selbstgefällig auf der durchaus erhabenen Grafik aus. Hier hätte ich mir etwas mehr Inhalte aus der Eckte Penumbra (dezent verkannte vorgänger von Amnesia) gewünscht. So hätte das Spiel eine überrangende Mischung aus Dear Esther und eben Penumbra werden können. So hat man durchaus die Chance verschenkt ein wegweisendes Erlebnis zu schaffen und es bleibt bei einer zwar sehr guten aber sehr kurzen interaktiven Geschichte.

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