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Review: Unravel Two – Rote Wolle, graue Haare

19. Juli 2018
Bastian Rühl

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Review: Unravel Two – Rote Wolle, graue Haare

Während der E3 2015 konnte EA mich weit mehr begeistern, als das dieses Jahr der Fall war. Was aber nicht an den Blockbuster-Titeln lag, sondern an dem damals neu ins Leben gerufene Programm namens EA Originals, bei welchem Indie-Entwickler- und Entwicklerinnen gefördert werden. Eines der damals vorgestellten Spiele war Unravel. Spätestens nach dem unglaublich sympathischen Auftritt von Martin Sahlin – dem Creative Director des Spiels – war klar: hier erwartet uns ein kreativer Puzzle-Plattformer, bei dem die Hauptfigur namens Yarny mindestens so süß ist wie ihr Erfinder.

Bei mir persönlich kam dann ein wenig Ernüchterung auf, als ich das Spiel startete. Die Welt war wunderschön, Yarny war erwartungsgemäß putzig. Doch die stellenweise frustrierende Sprungmechanik und das behäbige Laufen der goldigen Puppe überzeugten mich dann nicht und ich habe das Spiel bis heute nicht durchgespielt.

Auf der E3 2018 wurde dann Unravel Two angekündigt und viele waren überrascht, als auf der Bühne „available today“ verkündet wurde. Doch was macht der zweite Teil besser (oder schlechter)?

Die neu hinzugekommene kooperative Komponente funktioniert hervorragend

An der kurzen Leine

Die größte Neuerung in Unravel Two ist, dass ihr das Spiel nun gemeinsam mit einem Freund oder einer Freundin bestreiten könnt. Das müsst ihr aber nicht. Auch alleine dürft ihr euch ins Abenteuer stürzen. Hier sei angemerkt, dass ich das Spiel ausschließlich im Koop gespielt habe und keine Minute alleine im Spiel verbracht habe. Was die Singleplayer-Komponente angeht, kann ich euch also leider nichts berichten. Vielleicht nur so viel: ich glaube, dass der Spaß zu zweit wesentlich größer ist und habe mir bei vielen Stellen im Spiel die Frage gestellt, wie man das hätte alleine schaffen sollen.

Die beiden Yarny sind miteinander verbunden, sodass man nie zu weit entfernt voneinander Spaziergänge wagen kann. Einen geteilten Bildschirm gibt es also nicht und insgesamt erinnert das Konzept oft sehr stark an Little Big Planet. Anfangs fällt außerdem direkt auf, dass die Steuerung der Püppchen sehr viel präziser ist als noch in Teil 1, beide Yarny sind wesentlich agiler.

Warum sich EA und Coldwood dazu entschieden haben, das Spiel ausschließlich im Couch-Koop spielbar zu machen, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Auf der Playstation hat es mit Shareplay ganz gut geklappt, Online-Koop wäre aber auf jeden Fall wünschenswert gewesen. Dafür gibt es sehr süße Emotes und ihr könnt euch kopfschüttelnd oder jubelnd gegenüberstehen. Oder euch hinsetzen. Muss ja auch mal sein.

Um die beiden Figuren in Unravel Two voneinander unterscheiden zu können, werden uns ein paar Anpassungsmöglichkeiten gegeben, darunter auch Farbe und Kopfform. Farbe spielt hier eine größere Rolle, da standardmäßig eine rote und eine blaue Puppe genutzt werden. Gerade für Menschen mit Farbblindheit wäre das nicht wirklich sinnvoll, da ist es schön hier eine Auswahl zu bekommen.

Oh, wie schön ist… Schweden(?)

Bereits im Vorgänger zeigte uns Coldwood, wie eine schöne Welt in einem Puzzle-Plattformer auszusehen hat. Und in Unravel Two setzen sie noch eine Schippe drauf. Dieses Spiel ist wirklich wunderschön und die Insel, auf der wir in einem Leuchtturm die verschiedenen Level wählen, ist sehr liebevoll in Szene gesetzt. Wir begeben uns auf eine Reise durch heitere bis wolkige Wälder, Dörfer und auch eine Fabrik. Oh Gott, die Fabrik.

Auch in Unravel Two folgen wir wie in Teil 1 einem Licht, das uns an das Ende des jeweiligen Levels führt. Über Stock und Stein. Im wahrsten Sinne des Wortes. Einfach nur ohne Sinn und Verstand durch Level zu rennen wäre aber ja zu einfach. Daher bekommen wir die heldenhafte Aufgabe, Menschen aus prekären Situationen zu befreien, was durch das Lösen mechanischer Rätsel geschieht. Allzu sehr auf die Story des Spiels und was es genau damit auf sich hat, möchte ich hier aber nicht eingehen, um euch nicht zu spoilern.

Folgt dem Licht, verirrt euch nicht. #sodeep

Natürlich befinden sich in Unravel Two nicht nur die Menschen in einer oft sehr verzwickten Lage, auch Yarny 1 & 2 haben nicht gerade eine entspannte Zeit vor sich. Vor allen Dingen nicht in der Fabrik. Oh Gott, die Fabrik.

Hüpfen, hängen, schwingen und… runterfallen

Das Konzept von Unravel Two ist eigentlich relativ einfach, an einigen Stellen wird daraus aber tatsächlich ein komplexes Rätselspiel. Beim Wandern, Hüpfen und Rennen durch die schöne Yarny-Welt wird man immer wieder mit Situationen konfrontiert, die man am Besten so beschreiben kann: „Wie kommt man denn jetzt da hin?“ – Ob da ein Baumstamm als Hindernis den Weg versperrt oder Feuer das Weiterkommen erschwert: die Lösung liegt meist im Teamwork und die meisten Rätsel bei Unravel Two sind nach wenigen Minuten lösbar. Das Frustrierende bei den Rätseln in der Welt ist dabei selten die Mechanik, was wirklich stört ist die Perspektive. Oft erkennt man nicht, was nun auf der gleichen Ebene wie die Figuren ist, springt… und fällt herunter, weil ein Ast dann doch fünf Zentimeter weiter vorne oder hinten war.

Insgesamt macht das Schwingen und Springen aber sehr großen Spaß und besonders Rätsel, die gemeinsam an einem Faden gelöst werden müssen, sind sehr oft sehr kreativ und faszinierend umgesetzt.

Hier geht’s euch an den Wollkragen

Unravel Two ist kein Spaziergang durch eine schöne Welt. Lasst euch nicht von der süßen Optik täuschen! Hier muss man auf jeden Fall Schmerz und Frust ertragen, meist wird man aber direkt danach mit liebevollen Details und süßen Animationen belohnt.

Der heiße Draht in der Fabrik. Die Fabrik ist übrigens doof.

Unravel Two ist wie eine gute Beziehung und nach dem handfesten Streit nimmt euch euer Gegenüber in den Arm und sagt „Ich liebe dich!“. Bis auf die Fabrik. Hier wollen euch die Menschen von Coldwood einfach nur Schmerzen zufügen. Anders kann ich mir das Ganze zumindest nicht erklären. Die Mischung aus Hektik, Zeitdruck, fiesen Sprungpassagen und Feuer – oh mein Gott, so viel Feuer – haben mir nicht wirklich viel Freude bereitet. Und je länger das Spiel, desto mehr gewann ich den Eindruck, dass die Fabrik erst der Anfang meiner Schmerzen sein sollte. Leider wird Unravel Two in den späteren Leveln stellenweise schon sehr frustrierend und Trial & Error sind an der Tagesordnung. Hatte ich vor kurzem noch bei Homo Machina die gute Umsetzung dieses Konzepts gelobt, nervt es mich bei Unravel Two teilweise schon sehr.

Wie viele graue Haare mir zusätzlich entstanden sind, kann ich nicht exakt benennen, es sind aber sicher ein paar gewesen.

Nichtsdestotrotz hat der Großteil von Unravel Two sehr viel Spaß gemacht und die heftigeren Passagen konnten gemeistert werden. Die süße Optik, liebevollen Details und sehr kreative Rätsel sorgen für genügend Abwechslung und Freude, da kann man auch eine Schmerz-Fabrik verkraften.

Unravel Two macht vieles richtig und bis auf ein paar frustrierende Momente, der ollen Fabrik und längere Ladezeiten zwischen dem Leuchtturm-Hub und den einzelnen Leveln gibt es hier relativ wenig auszusetzen. Die Interaktion der beiden Yarny, das Rätseldesign und die wunderschöne Welt bereiten viel Freude. Fehlender Online-Koop und hektische Passagen unter Zeitdruck trüben für mich nicht so sehr den Spielspaß, hindern mich aber daran eine bessere Wertung abzugeben. Wäre der Frustfaktor geringer, würde da vorne sicherlich sogar eine 9 stehen.

Unravel 2
Unravel Two
Frust und Liebe waren selten so nah beieinander, für mich überwiegt bei Unravel Two aber in den meisten Fällen die Liebe.
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Puzzledesign
Yarny-Süßheitsfaktor
Teamwork dank Koop-Gameplay
Atmosphäre und Welt
Schwing-Mechanik & Präzision
die Fabrik
Trial & Error
Perspektive & Tiefe oft unklar
kein Online-Koop
77

Bastian Rühl hat Unravel Two auf der Playstation 4 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise von Electronic Arts zur Verfügung gestellt.

Bastian Rühl

Basti spielt schon sehr lange (und ist trotzdem ein Noob), weil er schon sehr alt ist. Ob's nun ein Indie-Titel oder ein AAA Blockbuster ist, spielt für ihn eigentlich keine Rolle, solange die Atmosphäre und / oder die Story stimmt. Er ist nicht der größte Ego-Shooter-Fan der Welt, schaut aber auch gerne mal über den Tellerrand.