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Review: Sea Of Thieves – „I don’t wanna be a pirate!“

15. April 2018
Bastian Rühl

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Review: Sea Of Thieves – „I don’t wanna be a pirate!“

Auf der E3 2015 wurden einige interessante Titel angekündigt. Noch weit bevor wir erfuhren, dass die Xbox One Scorpio gar nicht Scorpio heißt, war die Welt der Xbox noch in Ordnung. Damals wusste noch niemand, dass Microsoft unbedingt Exklusivtitel braucht, da einige der Hoffnungsträger sich verspäten oder eingestampft würden. Theatralisch? Übertrieben? Für diese Review solltet ihr euch daran gewöhnen, weil ich ein bisschen traurig bin. Ich weine quasi gerade den ganzen Ozean voll, damit die Piraten von Sea Of Thieves ordentlich Platz zum Schippern haben. Aber mal im Ernst, ganz so traurig und schlimm ist das alles dann auch nicht. Eine Party feiere ich aber dank Rares neuem Multiplayer-Titel nicht. Obwohl mir Sea Of Thieves anfangs richtig viel Freude bereitet hat.

Der alte Mann und das Meer

Sea Of Thieves sieht so toll aus. Wirklich. Wie auf Screenshots und in Videos unschwer zu erkennen ist, gab’s wohl selten bis nie ein solch schönes digitales Meer. Die Mischung aus Comic-Grafik und dem schönsten Licht, Wasser und der tollsten Wellenphysik, die ich je in einem Spiel gesehen habe, ist schier atemberaubend. Der Mix aus Realismus und Verspieltheit lassen mich dann doch die ein oder andere Party feiern – und das tollste daran: ich kann meine Freunde dazu einladen. Und sehr viel Grog dabei trinken. Was will man mehr, als alter Mann auf dem Meer? Naja, Gameplay wäre schon nett. Und Inhalt. Sea Of Thieves bietet selbstverständlich beides, jedoch nicht unbedingt in Hülle und Fülle. Dazu aber später mehr. Beim ersten Start des Spieles sucht ihr euch einen von unzähligen zufallsgenerierten Piraten aus, mit dem oder der ihr dann in See stecht. Einen Charakter-Editor gibt’s bei Sea Of Thieves nicht. Es folgt ein sehr kurzes Tutorial, in dem euch erklärt wird, wie die grundlegende Steuerung funktioniert. Ab diesem Moment seid ihr auf euch allein gestellt -abgesehen davon, dass ihr die Inseln und Meere natürlich mit euren Kameraden erkunden könnt. Hier stehen euch entweder eine Schaluppe oder eine Galeone zur Verfügung. Die Schaluppe wird von ein bis zwei Spielern gesteuert, für die Galeone solltet ihr mindestens drei Piraten – maximal vier haben Platz – parat haben.

dieses Meer… es! ist! sehr! schön!

You Are Not Alone

Der Multiplayer-Aspekt des Spiels ist definitiv seine größte Stärke. Natürlich könnt ihr euch alleine in das Piratenabenteuer stürzen, Sea Of Thieves macht aber gerade im Coop und mit euren Kameraden und Kameradinnen am meisten Spaß. Gemeinsam musizieren, Grog trinken, Segel setzen und steuern gibt euch das Gefühl, aufeinander angewiesen zu sein. Jeder nimmt quasi automatisch eine Rolle ein, Kommunikation ist sehr wichtig und man wächst sehr schnell zu einer eingespielten Crew zusammen. Immer wieder entstehen lustige Momente und – wenn man mit den richtigen Leuten spielt – hält sich der Frust in Grenzen, auch wenn einmal etwas schiefgeht. Wirklich alleine ist man bei Sea Of Thieves aber ohnehin nie. Selbst wenn ihr euch dazu entscheidet, alleine auf eurer Schaluppe zu schippern, trefft ihr auf andere Piraten.

Der PvP-Aspekt des Spiels ist ein großer Bestandteil und wenn ihr euch ungeschickt anstellt oder unvorsichtig seid, drehen die Mitspieler von anderen Schiffen gerne mal ab (in vielerlei Hinsicht) und es kommt zum Kugelhagel. Ich bin mir bewusst, dass es sich hier um ein Piratenspiel handelt. Und Piraten sind keine netten Menschen. Leider hat es mich aber teilweise sehr gestört, dass man von den anderen Spielern sehr oft ohne Grund angegriffen wird. Dafür kann Rare natürlich nichts, weil das in der Natur der Spieler (und in der Natur der Piraten) liegt. Schiffe versenken und andere Piraten töten, bringt aber schlichtweg überhaupt nichts. Hat euer „Gegner“ keinerlei Fracht an Bord und es ist offensichtlich „nichts zu holen“, erschließt sich mir ein Angriff überhaupt nicht. Und dennoch wurden wir ständig ohne Grund und Vorwarnung angegriffen. Nennen wir es jammern auf hohem Niveau. Wer jedoch mit solchen Begegnungen seine Probleme hat, wird in Sea Of Thieves wenig Spaß haben.

Schatzkisten, Schweine und Skelette

Piraten lieben Gold. Piraten lieben Schätze und Abenteuer. Wie genau kommt man als Pirat in Sea Of Thieves also jetzt genau an eben diese allseits beliebten Dinge? Drei Fraktionen bieten die Antwort darauf und helfen euch als Pirat, euch einen Namen zu machen. Die Goldsammler beauftragen euch damit, Schatzkisten zu finden, die ihr dann an sie verkaufen könnt. Meist bekommt ihr von ihnen den Grundriss einer Insel, die ihr dann auf der Karte ausfindig machen müsst. Dort angekommen sucht ihr das typische X auf der Karte und grabt den Schatz aus.

Für die Aufträge des Handelsbunds bekommt ihr einen Käfig und die Information darüber, welche Tierart ihr wie oft besorgen sollt. Rosa Schweinchen, braun gefleckte Hühner oder rote Schlangen sind hier hoch im Kurs und mit der Kiste „bewaffnet“ fangt ihr dann die entsprechenden Tiere ein und bringt sie zurück. Eine nette Kleinigkeit: Schlangen lassen sich mit Musik besänftigen, Schweine und Hühner werden nach längerer Zeit im Käfig sehr nervös und man hat auf der Rückfahrt ordentlich etwas zu tun, um die lebende Fracht bei Laune zu halten.

Der Seelenorden beauftragt euch damit, Skelette zu erledigen, die ihr Unwesen auf bestimmten Inseln treiben. Als Beweis für eure Tat bringt ihr hier dann den Totenkopf dieser Skelette zurück. Bei den Skeletten handelt es sich quasi um Bosse, also stärkere Skelette.

Sea Of Thieves steht und fällt mit euren Crew-Mitgliedern.

Weitere Arten, Ruhm, Ehre und Gold zu erlangen, sind das Tauchen in Schiffswracks, das Verkaufen von Handelswaren, die ihr zufällig unterwegs findet und das sammeln von Flaschenpost – in welchen dann auch immer mal wieder Quests versteckt sind.

Im Endeffekt wiederholt sich die Mechanik und alles, was ihr für Gold und Ehre tut, dann aber sehr schnell. Es gibt zwar gewisse Abweichungen und längere Quest-Reihen – wirklich von der Formel weicht aber nichts ab. Und aufgrund dessen hatte ich das Gefühl, schon nach wenigen Stunden alles gesehen zu haben. Zufallsereignisse gibt’s so gut wie gar nicht. Inseln, die ihr zufällig ansteuert, sind oft einfach leer. Bis auf Hühner, Schweine und vereinzelte Skelette. Belohnungen für das Erledigen von Skeletten (und anderen Piraten & Schiffen) gibt es nicht, Truhen die ihr zufällig findet sind oft der Mühe nicht wert. Insgesamt ist die Balance nicht wirklich gut. Und in einem Spiel, in dem es um Belohnung, Progression und Fortschritt geht, ist das Gefühl, etwas zu erreichen, extrem wichtig. Wenn ihr dann aber für 50 Goldstücke einen Auftrag kauft, die Truhe am Ende aber nur 58 Goldstücke bringt, fragt ihr euch: „Warum mache ich das hier eigentlich alles?“ – und so ging es mir leider sehr oft in Sea Of Thieves. Ich war stellenweise nach sehr langen Aufträgen so frustriert, dass ich tagelang nicht mehr weitergespielt habe.

All das kann natürlich mit Updates behoben werden. Und es tut sich schon so einiges in dieser Richtung. Ich habe aber mittlerweile derart das Interesse verloren, dass ich es selbst dann nicht mehr wirklich ausprobieren möchte. Stellenweise hat Sea Of Thieves bei mir den Eindruck hinterlassen, dass fehlender Ideenreichtum und Abwechslung auch durch kleine Content-Updates nicht behoben werden können. Ist ein Spiel beim Launch noch nicht so weit, dass es mich länger motiviert, komme ich eher selten später darauf zurück. Das werden einige anders sehen, da ich hier aber meine Meinung wiedergebe kann ich keine wirkliche Empfehlung aussprechen. „Hätte, wäre, wenn“ nützt mir leider auch nichts, wenn ich mich nicht motiviert fühle.

Bastian Rühl

Basti spielt schon sehr lange (und ist trotzdem ein Noob), weil er schon sehr alt ist. Ob's nun ein Indie-Titel oder ein AAA Blockbuster ist, spielt für ihn eigentlich keine Rolle, solange die Atmosphäre und / oder die Story stimmt. Er ist nicht der größte Ego-Shooter-Fan der Welt, schaut aber auch gerne mal über den Tellerrand.