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Review: Homo Machina – Die Reise ins Ich

24. Mai 2018
Bastian Rühl

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Review: Homo Machina – Die Reise ins Ich

Kalter Schweiß. Dein Herz schlägt dir bis zum Hals. Die Gefühle spielen verrückt und die Koordination deiner Gliedmaßen fällt dir schwer. Was klingt wie ein grippaler Infekt, ist allerdings etwas anderes: Liebe. Oder vielleicht auch einfach nur Nervosität. Vor einem Vorstellungsgespräch, deinem ersten Date oder vor einem langen Flug, auf dem Weg in einen hoffentlich schönen Urlaub in einem fremden Land. Was im menschlichen Körper vor sich geht – und wann welche Mechanismen in ihm in Gang gesetzt werden – ist immer wieder faszinierend. Im Biologieunterricht wurden mir zur Erklärung dann immer Bücher hingelegt, die diese Vorgänge so trocken wie möglich beschrieben. Spannung kam da eher selten auf. Aber bereits 1986 schaffte es „Es war einmal… das Leben“, meine Faszination für diese Vorgänge zu wecken. In der Zeichentrickserie wurde der menschliche Körper als Fabrik dargestellt, in der alle Angestellten bestimmte Aufgaben bewältigen mussten, damit es dem Menschen gut (er)geht. Homo Machina erinnert mich in vielerlei Hinsicht an diese Serie. Nun kann man endlich selbst Chef der „Firma Mensch“ werden, alles was ihr dafür braucht ist ein Smartphone oder Tablet. Und 3,49 Euro – und keinen Cent mehr – denn auf In-App-Käufe verzichtet Homo Machina gänzlich.

Der schöne Grafikstil wird durch einen Vintage-Filter abgerundet.

 

Es ist schön, das Leben…

Auf den ersten Blick fällt auf, dass sich Homo Machina grafisch an medizinische Illustrationen anlehnt, die man so oder so ähnlich schon öfter gesehen hat. Und als ich das Spiel auf dem A MAZE Festival das erste mal kurz anspielen durfte, war ich direkt angetan – hatte aber noch nicht wirklich eine Idee, was mich beim Endprodukt erwarten würde. Durch die Optik des Spiels mag man zunächst annehmen, dass es sich hier um eine Simulation handelt, dem ist aber nicht wirklich so.

Der Grafikstil des Spiels ist an die Arbeiten von Fritz Kahn angelehnt, welcher bereits in den 60er Jahren verstarb und durch seine Illustrationen und Infografiken, die im Stile der 20er Jahre angesiedelt sind, bekannt wurde. Nicht nur grafisch erinnert Homo Machina an diese Ära, auch der hervorragende Sound des Spiels versprüht den Charme einer längst vergangenen Zeit. Beim Einsetzen der Musik denke ich immer an ein Grammofon und kratzende Schallplatten. Nicht zuletzt gibt es sogar einen Abschnitt, in dem sich auf wirklich interessante Art mit dem Thema Musik und Hören befasst wird – mehr möchte ich hier wegen Spoiler-Gefahr mal lieber nicht dazu sagen.

Wo mir andere Spiele auf dem Smartphone oder Tablet Probleme bereiten, da sie virtuelle Sticks nutzen, hat Homo Machina mich relativ schnell in seinen Bann gezogen, da es auf Einblendungen dieser Art komplett verzichtet. Dies liegt daran, dass es sich hier nicht wirklich um einen Action-Titel handelt. Homo Machina ist ein Puzzle-Game und alles, was ihr tun müsst, ist tippen, wischen und drehen. Eure Aufgabe besteht darin, die Mensch-Maschine am Laufen zu halten und euch um die Bedürfnisse eures Menschen zu kümmern. Ihr begleitet ihn einen Tag lang, angefangen beim Frühstück am Morgen bis hin zu seinem Date am Abend.

„Trial & Error“ ist zu Beginn des Spiels das Motto.

Besonders überrascht war ich von Homo Machinas Story. Ich hatte bei einem Puzzler auf dem Smartphone überhaupt keine erwartet und dass diese dann sogar eine größere Rolle spielt, lustig inszeniert ist und interessant erzählt wird, war tatsächlich eine gelungene Überraschung. Der verpennte und chaotische Chef gibt den Mitarbeitern der einzelnen Abteilungen immer wieder Tipps und erzählt euch abgedrehte Geschichten, wodurch teils plump erscheinende Aufgaben aufgelockert werden. Die kleinen Helfer im menschlichen Körper sind liebevoll inszeniert und alle besitzen auf eine gewisse Weise ihren eigenen Charme, nicht zuletzt da sie wirklich sehr schön animiert sind.

Trial & Error

Einige der Aufgaben erscheinen auf den ersten Blick unübersichtlich, nach wenigen Minuten versteht man aber meist ganz gut, was zur Lösung getan werden muss. Ich hatte ab und an das Problem, dass ich wild getippt und gewischt habe, weil ich nicht direkt erkannte, was das Spiel von mir wollte. Trial & Error ist nicht wirklich meine liebste Mechanik bei Spielen, frustrierend oder sonderlich nervig empfand ich dieses Problem bei Homo Machina aber tatsächlich nie. Dem Spiel würde aber meiner Ansicht nach vielleicht ein etwas besseres Hilfe-System nicht schaden. Oder irgendeines – es gibt nämlich schlichtweg gar keines. Objekte, mit denen ihr interagieren könnt, heben sich häufig zu wenig vom restlichen Geschehen ab und da ist oft wildes Tippen und Wischen vorprogrammiert. Dies ist aber tatsächlich mein einziger Kritikpunkt und selbst das würde ich eher als „Jammern auf hohem Niveau“ bezeichnen.

 

Die einzelnen Organe und die damit verbundenen Abschnitte des Spiels sorgen nach kurzer Zeit dafür, dass man das Prinzip der Rätsel besser versteht. Die Aufgaben wiederholen sich zwar nicht direkt, ähneln sich aber nach wenigen Bereichen. Dies sorgt allerdings nicht für Langeweile sondern eher dafür, dass Aufgaben schneller gemeistert werden. Jede Aufgabe folgt einem bestimmten Muster und nach dem Beenden einer Aufgabe folgt oft der nächste Schritt, der sinnvoll erscheint. Helft ihr eurem Menschen beispielsweise beim Kauen, folgt kurz danach eine Aufgabe im Verdauungstrackt und danach… naja, könnt ihr euch sicher denken.

Insgesamt kann man das Gameplay von Homo Machina als relativ einfach bezeichnen, was sich beim Trial & Error Prinzip auch ganz gut anbietet. Strafen oder gar einen Game Over Screen gibt’s hier nicht, bei Fehlern wird das Puzzle stufenweise oder ganz zurückgesetzt. Das ist fair, sorgt allerdings nicht wirklich für eine große Herausforderung. Ins Schwitzen kommt allerdings nicht nur der Mensch, den ihr in Homo Machina betreut. Einige der Puzzles müsst ihr unter Zeitdruck lösen und einige Sequenzen bauen dabei aufeinander auf. Es wird also teilweise relativ hektisch im Körper und je weiter ihr fortschreitet, desto schneller müssen solche Sequenzen dann aufeinanderfolgend gelöst werden. Ein netter Twist, der dem an sich relativ lockeren Geschehen ein wenig Action verpasst.

Das einfache Gameplay von Homo Machina ist keinesfalls die Stärke des Spiels. Nicht umsonst heißt es im Hauptmenü „Erkunden“ und nicht „Spielen“ oder „Starten“. Den größten Spaß hatte ich mit diesem Spiel, weil Kleinigkeiten das Geschehen abrunden und die Spielwelt sehr abwechslungsreich und liebevoll gestaltet ist. Auf jedem Bildschirm entdeckt man Details, die für das Spiel als solches nicht unbedingt relevant sein müssen – die aber dem Menschen und seinen Angestellten Leben einhauchen und Freude bereiten. Nicht selten saß ich bei Homo Machina vor dem Bildschirm und grinste und / oder war überrascht von der Kreativität, die mir geboten wurde.

Homo Machina kostet 3,49€ und wer nach diesem Text Interesse hat, sollte unbedingt zuschlagen. Ich könnte vielleicht noch sehr viel mehr über die einzelnen Puzzles erzählen, finde jedoch dass man das bei diesem Preis einfach am besten selbst erleben sollte. Eine genauere Erläuterung der einzelnen Mechaniken könnte einem die Überraschung nehmen – und das ist eine der Dinge, die mich an diesem Spiel am meisten fasziniert hat.

Ich selbst habe das Spiel auf einem iPhone 6S getestet und zu keinem Zeitpunkt konnte ich technische Mängel entdecken, die in irgend einer Weise den Spielspaß geschmälert hätten.

Bastian Rühl

Basti spielt schon sehr lange (und ist trotzdem ein Noob), weil er schon sehr alt ist. Ob's nun ein Indie-Titel oder ein AAA Blockbuster ist, spielt für ihn eigentlich keine Rolle, solange die Atmosphäre und / oder die Story stimmt. Er ist nicht der größte Ego-Shooter-Fan der Welt, schaut aber auch gerne mal über den Tellerrand.