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Review: Firewatch – Feuer und Flamme für die Freiheit

Ich liebe Geschichten. Seien es gedruckte Worte auf einer Seite, Acrylfarbe gepinselt auf eine Leinwand, Momente festgehalten mit einer Kamera oder die bestechende Mischung aus Partizipation und Passivität – Geschichten machen vieles besser und können ein sonst lebloses Szenario zum Leben erwecken.

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Schmerzende Remineszenz und ein Hauch Melancholie

In Firewatch vermag die Geschichte das Geschehen zu definieren und in einen Kontext zu setzen. Sie beeinflusst die Stimmung, was wir tun, wie wir unsere Umgebung und Zukunft sehen. Dabei startet das Spiel mit einfachen Mitteln. Wie in einem Textadventure, unterbrochen von wenigen Momenten, die in der Gegenwart spielen, erzählt uns das Spiel seine Geschichte. Und sie beginnt als würde sie traurig enden. Das mag einerseits der melancholisch anmutenden Musik geschuldet sein, andererseits zeigt das Präteritum, dass die beschriebenen Ereignisse hinter uns liegen. Schließlich machen wir uns noch während der Erzählung alleine auf zu einer mehrtägigen Wandertour. Angekommen am Ziel offenbart sich uns die Situation, in der wir sind. Unser einziger Gesprächspartner ist Delilah, mehrere Kilometer entfernt.

Unsere Aufgabe ist es den Wald und die Natur, die uns umgibt, zu beschützen, Waldbrände zu verhindern oder zu melden und Schmutzfinken eines Besseren zu belehren. Wir (das sind Henry, der Protagonist, ebenso wie wir, der Spieler) haben keine Ahnung, was zu erwarten ist, vielleicht ein Waldbrand, vielleicht eine Romanze, vielleicht ein Abenteuer. Scheinbar wird es keines davon und doch alles. Wir treffen Entscheidungen, haben begrenzt Zeit, um Delilah zu antworten, können aber schweigen. Wir können bestimmte Themen ansprechen oder lieber über etwas anderes mit ihr reden. Das beeinflusst nicht nur den Informationsgehalt der Gespräche, sondern vermittelt eine zwiegespaltene Freiheit – schließlich können wir zwar auswählen, was wir sagen wollen, sind dabei aber auf die Gesprächsfetzen angewiesen, die Delilah uns zuwirft.

Ein Sommer in Wyoming

Wir sind frei, haben einen ganzen Wald für uns, eine wunderschöne Aussicht und sind von der Natur umgeben, doch etwas ist da, das uns limitiert, ebenso wie die Vergangenheit, der wir zu entfliehen versuchten. Die scheinbare Schönheit und Autarkie sind nur Trugbilder und geben dem Spiel trotz seiner atemberaubenden Grafik und Darstellungsweise einen bitteren Beigeschmack. Firewatch konzentriert sich darauf Emotionen zu transportieren und nicht immer sind es Glück und Zufriedenheit, was uns widerfährt. Nach und nach wird alles sinister, ist da eine Verschwörung im Gange, etwa ein Verbrechen? Können wir jemandem trauen?

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Mitunter wird die Story wieder ein wenig traurig, im nächsten Moment kann sich eine verheißungsvolle Situation ergeben, kurze Zeit später finden wir uns inmitten eines prächtigen Sonnenuntergangs am Ufer des Sees und schon geht alles drunter und drüber – die Stimmung wechselt enorm schnell, was dazu beiträgt, dass sich Firewatch wie eine Achterbahnfahrt anfühlt und durchgehend spannend bleibt. Einsamkeit entwickelt sich zu Paranoia, das Mysterium, das vielleicht gar keins ist, nagt unaufhörlich und die Zeitsprünge relativieren die Zeit und heben das Geschehene deutlich hervor. Firewatch ist nicht nur zum Spielen da, es spielt mit dem Spieler. Je nach Veranlagung sieht man den Wald in einem positiveren Licht oder erwartet die nächste Gefahr hinter jeder Klippe.

Sei die Veränderung, die die Welt braucht

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Die Geräuschkulisse ist sehr realistisch, manchmal werden ein paar unheimliche Effekte untergemischt und selten auch mal ein paar Klänge, die die Anstrengung einer langen Reise übertönen. Es gibt aber keine Tiere (bis auf einen Schmetterling, einen obligatorischen Hirsch und einen entfernten Vogelschwarm), was den Wald bedrohlich wirken lässt. In offensichtlicher Divergenz stehen die kräftigen Farben, dank derer in jeder Sekunde ein perfekter Screenshot gemacht werden kann. Kein HUD, der die Sicht versperrt, nur ein kleiner Kreis, mit dem wir unseren Blick fokussieren und Objekte auswählen können; Firewatch setzt auf Originalität und einfache Mittel.  (Die Steam-Version bietet übrigens ein Feature, von dem ihr Gebrauch machen könnt. Im Spielverlauf findet ihr eine Kamera mit der ihr Bilder machen könnt. Und am Ende des Spiels können diese euch das Spiel noch einmal erleben lassen. Aber findet es selbst heraus.)

Es ist recht leicht sich zu orientieren, das liegt einerseits an Kompass und Karte, letztere wird ständig aktualisiert, andererseits an der recht kleinen Map. Doch auch wenn zwei Punkte eigentlich nicht weit voneinander entfernt sind, bedarf es überdurchschnittlich viel Zeit sie zu erreichen, denn Gestrüpp, Klippen und Geröll versperren uns den Weg. Man fühlt sich sehr naturverbunden und entwickelt eine regelrechte Outdoor-Affinität oder zumindest sympathisiert man mit dem Gedanken dort noch eine Weile zu verbringen. Und Ende der 80er ist die mögliche Ablenkung in der Wildnis noch überschaubar. Die Zeit vergeht wie im Flug und nach nur wenigen, aber unglaublich intensiven Stunden ist Firewatch zu Ende. Was bleibt sind die Erinnerung, wunderschöne Screenshots und die Gewissheit, dass immer noch fantastische, innovative und erstaunliche Spiele gemacht werden.

Ein Kommentar

  1. Der besondere Fokus deines Textes auf das ästhetisch schöne an Firewatch gefällt mir sehr. Entsprechend passende, tolle Fotos hast du eingebaut – danke!

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