Kolumne News

Offener Brief an den „Kampfmönch“ und die Bürger von Rottweil

4. Juli 2014

Offener Brief an den „Kampfmönch“ und die Bürger von Rottweil

Liebes Rottweil,
lieber „Kampfmönch“-Cosplayer,

derzeit macht im Internet die Geschichte über den „Kampfmönch von Rottweil“ die Runde. Auslöser war eine besorgte junge Frau, die einen als Assassinen verkleideten Menschen fotografiert hat und sich damit an die örtliche Polizei wandte. Mittlerweile haben sogar mehrere Zeitungen das Thema aufgegriffen und es gibt sogar Spekulationen, nach denen der „Kampfmönch“ gar ein Messer bei sich trägt und mit dem Ziel unterwegs ist, Blut sehen zu wollen.

Ich möchte mich gerne zu diesem Thema äußern, da ich glaube, dass hier einige Missverständnisse vorliegen.

Meiner Auffassung nach handelt es sich bei dem „Kampfmönch“ weder um einen Amokläufer, noch um einen „Irren“ oder einen „Freak“. Ihr habt in eurer Gemeinde vielmehr einen ungemein kreativen, spielebegeisterten Menschen, der sein Hobby nach außen zur Schau trägt. Einen sogenannten Cosplayer. Um euch in wenigen Sätzen zu erklären, was die eigentliche Mission des „Assassinen“ ist, zitiere ich euch an dieser Stelle den Eintrag zu Cosplay auf Wikipedia:

„Cosplay (jap. コスプレ, kosupure) ist ein japanischer Verkleidungstrend, der in den 1990er Jahren mit dem Manga- und Anime-Boom auch in die USA und nach Europa kam. Beim Cosplay stellt der Teilnehmer einen Charakter – aus Manga, Anime, Computerspiel oder Film – durch Kostüm und Verhalten möglichst originalgetreu dar.“

Und ganz speziell an dich, lieber Cosplayer: Du musst, entgegen der Behauptungen im offenen Brief der NRWZ an dich, keine Angst haben, dass dich die Polizei „in die Mangel nimmt“ oder du gar eine schwere Zeit hast, nachdem du dich „stellst“. Gerne übernehmen wir dies auch für dich. Wir würden dich gerne zu einem Interview einladen, um die ganze Sache klarzustellen und in das richtige Licht zu rücken. Cosplay ist eine anerkannte Kunstform – es gibt mittlerweile sogar Wettbewerbe auf denen die Kostüme prämiert werden. Und allem Anschein nach hast du deinen Job wirklich gut gemacht und gehörst damit ganz klar zu den Künstlern, die ihre Spielehelden in künstlerischer Form interpretieren.

Es gibt in Deutschland aktuell auch kein Gesetz, welches das Tragen eines Kostüms verbietet. Insofern halte ich es auch für bedenklich, was in das Auftreten des „Kampfmönchs von Rottweil“ hinein interpretiert wird. Überlegt doch bitte mal:

Ist es nicht auch eurer Meinung nach sehr unwahrscheinlich, dass sich jemand in ein Cosplay-Outfit wirft, weil er in dieser Montur einen Amoklauf plant, sich dann aber im Vorfeld der Öffentlichkeit präsentiert und damit alle in Alarmbereitschaft versetzt?

Es gibt Millionen Menschen auf der Welt, die genau das machen, was der Cosplayer in Rottweil getan hat. In größeren Städten gibt es sogar recht viele Leute, die in ihrem Kostüm durch die Straßen laufen. Dort stört es niemanden. Und vor allem wird dort auch niemand, der diesem Hobby nachgeht, als gewaltbereiter Mensch abgestempelt. Eher als etwas verrückt, vielleicht sogar sympathisch durchgeknallt. Aber auf keinen Fall als potenzieller Attentäter.

Kampfmönch von Rotteil Assassin's Creed

Ich bitte euch darum, das Thema zu klären und vor allem, die Bürger von Rottweil aufzuklären, statt auch noch in der Lokalzeitung Angst und Hass gegenüber dem vermeintlichen „Kampfmönch“ zu schüren. Die Aufgabe der Medien ist es nämlich eigentlich, die Bevölkerung zu informieren und über aktuelle Geschehnisse aufzuklären. Und nicht, wie hier leider geschehen, in Panik zu versetzten, um das Sommerloch, also die Zeit im Jahr, in der es wenige „echte“ Neuigkeiten gibt, mit irgendwelchen Inhalten zu stopfen.

Daher: Habt keine Angst und geht gelassen eurer Wege. Aber lasst bitte auch den „Kampfmönch“-Cosplayer seinen eigenen Weg gehen.

Liebe Grüße nach Rottweil

Matthias Holtmann

 

 

Matthias. Zocker seit den frühen Neunzigern, Schreiberling seit 2003. Bei Gameplane.de für die Kontrolle des wilden Redaktionshaufens mitverantwortlich. Er saugt alles auf, was irgendwie mit Spielen zu tun hat und schließt es in dem extra dafür eingerichteten Brain-Tresor ein. Egal ob Indies, AAA-Titel oder Casual-Schrott: Perlen gibt es für ihn in jedem Genre.