Home » Artikel » Specials » London in Games

London in Games

London ist in vielerlei Hinsicht die Manifestation eines Phänomens. Die Stadt ist divers und erfindet sich seit Jahrhunderten immer wieder neu (wenn auch nicht immer freiwillig). Doch dies soll keine Lobrede auf einen Ort sein; vielmehr bietet sich London an, um zu untersuchen, wie Spiele unterschiedliche Wahrnehmungen und Epochen visualisieren, historische Ereignisse thematisieren oder alternative Welten kreieren. Oder einfach gesagt: wie erwecken Spiele eine Stadt zum Leben, die es bereits gibt?

Natürlich gibt es dafür zahllose Beispiele, sowohl für andere Städte als auch andere Spiele, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Welche Spiele zeigen eurer Meinung nach die beste Version Londons oder einer Stadt? Schreibt uns eure Ideen in den Kommentaren.

Assassin’s Creed Syndicate

Der vorletzte Teil von Ubisofts Erfolgsformel entführte uns in das viktorianische London („viktorianisch“ deshalb, weil in dieser Zeit (1837-1901) Queen Victoria regierte). Als Evie oder Jacob konnten wir eine Gang aufbauen, den machiavellischen Templer stürzen und über die Dächer der britischen Hauptstadt springen. Assassin’s Creed setzt auf Authentizität, das will nicht zuletzt Assassin’s Creed Origins beweisen. Auf den ersten Blick scheint sich Assassin’s Creed Syndicate an die historische Vorlage zu halten: rauchende Schornsteine bestimmen die Kulisse, der Beginn der Industrialisierung ist unverkennbar. In den Fabriken arbeiten Kinder und das Auftreten von zeitgenössischen Persönlichkeiten wie Florence Nightingale, Charles Darwin, Charles Dickens und Alexander Graham Bell soll die Stadt noch authentischer wirken lassen. Darüber hinaus sind zumindest alle wichtigen Gebäude am richtigen Platz. Der Big Ben ist unweit von Westminster Abbey, an den St. James’ Park grenzt der Buckingham Palace, Whitechapel befindet sich nördlich der Themse, die sich quer durch die Stadt schlängelt. Der Großteil der Stadt ist erkundbar und schnell wird deutlich, dass Entfernungen verkürzt wurden. Assassin’s Creed Syndicate versucht die dunkle Seite der Stadt zu zeigen, doch bietet im Grunde eine romantisierte Vorstellung der Stadt, die vor allem von den Dächern aus das Gefühl trügerischer Sicherheit erzeugen will.

Uncharted 3: Drake’s Deception

Zu Beginn dieses Jahrtausends nimmt uns Nathan Drake mit nach London, wo er und Sully zu Beginn von Uncharted 3: Drake’s Deception gerade durch die dunklen Gassen der modernen Stadt ziehen. In einem Pub finden sie ein Pint (was selbstverständlich in keiner Darstellung der Insel fehlen darf) und später wird sogar ein fiktiver U-Bahn-Tunnel unsicher gemacht. Selbst ohne Gullideckel, der verkündet, wo wir uns befinden, erkennen die meisten Spielenden die Wahrzeichen und wissen schnell, dass wir uns in einem weiteren London voller Klischees befinden. Bereits die erste Zwischensequenz zeigt die Dächer der Stadt und The Gherkin in unheilvoller und verruchter Dunkelheit. Nathan Drakes Besuch in London ist kurz und schon nach wenigen Minuten schwingt sich der Schatzsucher von Absätzen, stürzt von Klippen und löst antike Rätsel.

Sherlock Holmes: The Devil’s Daughter

Der berühmteste fiktionale Charakter Englands (zumindest bis Harry Potter das Licht der Welt erblickte) wurde Ende des 19. Jahrhunderts erschaffen und seine Abenteuer wurden seitdem immer wieder adaptiert. Eine Reihe von mäßig erfolgreichen Computerspielen zeigt den Detektiv im viktorianischen London, wo bereits Sir Arthur Conan Doyles Vorlage ihn ansiedelte. Von ihrer Wohnung aus, der berühmten Baker Street 221B, lösen Sherlock Holmes und Dr. Watson zahlreiche Fälle. Viele davon, unter anderem der aktuelle Fall The Devil’s Daughter, spielen in Whitechapel, was damals als Armenviertel einen zweifelhaften Ruf hatte und unter anderem von Jack the Ripper heimgesucht wurde. Auch wenn das Spiel selbst mit Bugs zu kämpfen hat und unerträglich repetitiv ist, gibt es keine Liste von Spielen in London ohne Sherlock Holmes. Wer selbst einmal durch die Straßen von Whitechapel schreiten und die Baker Street sehen möchte, sollte auf den etwas älteren Teil Das Testament des Sherlock Holmes zurückgreifen.

The Order 1886

Das 19. Jahrhundert scheint es Entwicklern angetan zu haben: kaum eine Epoche wird so sehr mit Großbritannien in Verbindung gesetzt wie diese. Auch The Order 1886 spielt in dieser Zeit – was der Name schließlich schon verrät. Es ist eine düstere Version Londons, oft ist es dunkel und grau, hier erfreut man sich keiner Kätzchen, die auf Dächern spielen, oder den belanglosen Konversationen unbescholtener Bürger. Auch wenn das Spiel nach Veröffentlichung sehr divers rezipiert wurde, ist sein Blick auf London zweifelsohne beeindruckend.

Dishonored

Auf den ersten Blick wirkt Dishonored wie eine innovationslose Kopie Londons: Sehenswürdigkeiten wie die Tower Bridge oder der Big Ben wurden rekreiert und in Kaldwin Bridge und Watchtower umbenannt, die Pest wird durch eine unbekannte Plage ersetzt und die Monarchie mit dem Tod der Herrscherin gefährdet. Hinter der Fassade versteckt sich jedoch eine vom Konsum zerstörte Stadt, eine parasitäre Gesellschaft mit einem nihilistischen Weltbild. Der Walfang und das mit den Tieren produzierte Öl waren die einzige Säule der Wirtschaft. Mit Beginn der Plage verfällt diese Infrastruktur nach und nach, die Reichen verschanzen sich in ihren Villen, Korruption nimmt Überhand und selbst die Neuinterpretationen Londoner Wahrzeichen wirken wie traurige Reminiszenzen einstiger Größe. London selbst hatte Zeiten wie diese, als beispielsweise die Pest oder das Große Feuer von London die Stadt verwüsteten oder nicht zuletzt als die französische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts die Monarchie erschütterte und die Bürger das Machtmonopol des Adels hinterfragten. Dishonored ist eine Parodie Londons und zeigt die Stadt in seinen schlimmsten Stunden. Auch wenn die Grafik nicht oft den Blick auf eindrucksvolle Panoramen erlaubt und Corvo an vielen Stellen den Grenzen des Levels erliegt, so ist das Spiel doch eine interessante Darstellung Londons.

Bloodborne

Ähnlich wie The Order 1886 und Dishonored stellt Bloodborne die Atmosphäre in den Vordergrund und wendet sich von oberflächlichen Repräsentationen ab. Die Umgebung des Spiels ist von London inspiriert, düster und bedrohlich, ähnlich der Beschreibungen von Daniel Defoe in A Journal of the Plague Year, der mehrere Jahrzehnte nach der Großen Pest von London über diese schrieb. Kaum Menschen auf den Straßen, der Tod ist allgegenwärtig, Misstrauen und Missgunst bestimmen das soziale Leben. Bloodborne zeigt wohl die am meisten veränderte Version der britischen Hauptstadt und nutzt diese (und vor allem die Geschichte) als Inspiration, um eine Alternative zu erschaffen.

Hoffen wir also in Zukunft auf weiterhin so unterschiedliche Darstellungen von Städten, die es tatsächlich gibt. Welche würden euch am meisten interessieren?

Sag uns deine Meinung:

Auch interessant!

Tower 57

Review: Tower 57 – Pixelige Shooter-Action

Auf der gamescom 2016 hatten wir bereits das Vergnügen, den Retro-Shooter Tower 57 anzutesten und ...