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Kolumne: Zocken ist Zeitverschwendung

Kennt ihr das Gefühl oder gar den Drang, euch für euer Hobby rechtfertigen zu müssen? Selten bis nie folgt auf „Ich spiele Fußball!“ ein Raunen, Unverständnis oder gar Entsetzen. Wie genau das bei Curling oder Tetherball ist, kann ich leider nicht einschätzen. Briefmarken sammeln ist vielleicht mittlerweile etwas zu oldschool, sicher aber noch genehmigt. Bekennt ihr euch aber zum „Hobby Videospiele“ bzw. Zocken, kommt es (zumindest in meinem Umfeld – und damit ist nicht meine Twitter Timeline gemeint) nicht selten vor, dass ein Schulterzucken folgt. Oder Sätze wie „das ist doch Zeitverschwendung!„. Ich frage mich schon seit Längerem, woran das eigentlich liegen könnte und wollte der ganzen Sache mal genauer auf den Grund gehen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Viele Menschen gehen gerne in Museen, weil sie dort wunderbare Kunst bestaunen können. Ebenfalls sehr viele Menschen gehen zur gamescom, PAX oder E3, weil sie dort wunderbare Kunst … oh, nein, sorry. Spiele sind ja keine Kunst. In Spielen wird geballert und es geht darum, Leute zu killen! Alles ist hektisch, es gibt keine Geschichte. Wenn man nicht mit einem Klempner durch die Gegend hüpft, erschießt oder überfährt man Menschen! Das ist es zumindest, was die Masse oft annimmt. Und diese Annahme ist natürlich Blödsinn. Woher kommt es aber, dass wir (die Gamer und Gamerinnen, Zocker und Zockerinnen) uns öfter mal anhören müssen „das ist doch Zeitverschwendung! Geh doch an die frische Luft!“?

This War Of Mine zeigt, wie Spiele sich auf andere Art der Thematik „Krieg“ annehmen können.

Zum Zocken in den Keller gehen

Es ist natürlich die Schuld der Medien! #FAKENEWS! Oder? Naja. Ganz so einfach ist es dann wohl auch nicht. Ich möchte hier auch keine Schuldigen suchen. Die Massenmedien, die sich über Jahre oder gar Jahrzehnte aber nicht wirklich mit dem Thema Games befasst haben, tragen zumindest sicher einen Teil zum Unverständnis bei. Wir kennen doch alle die Berichte über Menschen, die bei verdunkelten Scheiben mit Chips und Red Bull im Keller sitzen und grölend Counter-Strike spielen. Bilder und Klischees wie diese helfen nicht gerade dabei, den Ruf der Zockerinnen  und Zocker zu polieren. Zugegebenermaßen ist es in den letzten Jahren besser geworden, was nicht heißt, dass da nicht noch Luft nach oben wäre. TV-Sender haben erkannt, dass mit Games vor allen Dingen eine Sache ganz gut funktioniert: Geld verdienen. Spätestens mit Gronkh, den Rocket Beans, ähnlichen Formaten und Let’s Playern war irgendwann klar, dass die „konventionellen Medien“ auch eine Scheibe vom Kuchen abhaben wollen würden. Abonnement- und Abrufzahlen auf YouTube schnellten so sehr in die Höhe, dass Einschaltquoten bei TV-Sendern geradezu lächerlich anmuteten. Es wurde viel getan, um ebenfalls auf diesen Zug aufzuspringen.

Und dann kam Pokémon GO

Wenn in der Tagesschau, bei ZDF heute und Anne Will über Videospiele gesprochen wird, muss schon etwas Besonderes passiert sein. Meist handelt es sich um eine Debatte über „Killerspiele“. Politiker, die noch nie von Geralts oder Femsheps gehört haben, sprechen über Verbote und Regeln. Umso verwunderlicher war es, als plötzlich in den einschlägigen Medien über ein Mobile Game – genauer gesagt Pokémon GO – gesprochen wurde. Und es war nicht alles negativ, was man sich dort erzählte. Was war denn da plötzlich passiert?

Die Kellerkinder hatten endlich ihr natürliches Habitat verlassen und tummelten sich auf den Straßen, in Parks und verbrachten viel Zeit im Freien. Der Hype, den Pokémon GO generiert hat, war unvergleichlich und ich kann mich tatsächlich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal erlebt habe, dass Gaming so ein großes Thema in den Massenmedien war.

Leider blieb es nicht bei der positiven Berichterstattung, weil einige Spieler und Spielerinnen über die Stränge schlagen mussten. Manch Autobahn wurde lahmgelegt, vielleicht brach auch der Chips- und Red Bull Umsatz ein. Und schon wurde aus der schönen Geschichte eine weniger schöne, die man wohl mit „die Menschen gehen zu viel raus!“ zusammenfassen kann.

Pokémon GO trieb stellenweise sogar den Umsatz von Powerbanks in die Höhe.

DSDS oder This War Of Mine?

Pokémon GO half leider also auch nur bedingt dabei, das Verständnis bei einer breiten Masse für Videospiele auszubauen. Ältere Semester stören sich vielleicht auch schlichtweg an dem Begriff „Spiel“ und da bewirkt wohl auch positive Berichterstattung relativ wenig. Ein Problem ist außerdem, dass Titel, die große Aufmerksamkeit erlangen, sehr oft ins Klischee passen. AAA-Blockbuster wie Call Of Duty oder Battlefield sind zwar mittlerweile auch wesentlich mehr als stupide Ballerorgien, auf den ersten Blick sieht man aber eben nur das Oberflächliche und das Flache. Um die Substanz dieser und vieler weiterer Titel zu erkennen, muss man sich mit ihnen auseinandersetzen. Und ich setze mich zugegebenermaßen auch nicht mit Bauer sucht Frau, DSDS oder dem Dschungelcamp auseinander, weil es mich schlichtweg nicht interessiert. So wird es Menschen, die den Sinn von Games nicht sehen, wohl auch gehen.

Dass es unglaublich tolle Indie-Titel gibt, die sich kritischen Themen auf besondere, kreative – und ja, künstlerische – Art annehmen, bleibt einem Großteil unbekannt. Selbst Gamer und Gamerinnen kennen viele dieser Perlen nicht. Und diesen Menschen dann Titel wie This War Of Mine oder Her Story näherzubringen, gestaltet sich natürlich schwierig. Videospiele fristen immer noch – für mein Empfinden und in meinem Bekanntenkreis – ein Nischendasein. Indie-Titel sind dann also die Nische in der Nische. Und dass sich damit nicht jeder auseinandersetzen möchte, ist logisch und das sollte man akzeptieren. Ebenso sollten Nicht-Zocker und Zockerinnen aber auch akzeptieren, dass wir das gerne tun.

Wir müssen (oder sollten) uns nicht für unser Hobby rechtfertigen und uns erst recht nicht dafür schämen. Ich erwarte auch nicht von anderen, dass sie das tun.

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