Artikel Kolumne

Kolumne zu Evolve Stage 2 – Stop, stop, it’s already dead!

11. Juli 2016
Jan Dreeser

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Kolumne zu Evolve Stage 2 – Stop, stop, it’s already dead!

Evolve steigt also eine Stufe auf: 2K Games veröffentlicht den gescheiterten Multiplayer-Shooter als Free2Play-Titel mit dem Namenszusatz Stage 2. Knapp anderthalb Jahre nach dem ursprünglichen Release wird Evolve auf dem PC kostenlos spielbar sein. Die Entwickler versprechen grundlegende Gameplayänderungen, sprechen von einer „enorm verbesserten Erfahrung“, nennen Evolve Stage 2 ein „ganz neues Monster“. Nur eine Frage bleibt: Warum? Warum versucht 2K Games so verzweifelt, das wahrhaft unrühmliche Evolve nach so langer Zeit doch noch irgendwie zu vermarkten? Lasst es doch endlich gut sein!

Kaum einer unter uns, der sich nicht an den Riesenhype zu Evolve vor Release erinnern könnte. Was haben wir dem Spiel entgegengefiebert! Ein asymmetrischer 5-Mann-Multiplayer, in dem vier Menschen ein Monster jagen, letzteres mit der Zeit stärker wird und am Ende die Jäger zu Gejagten macht? Dieses Konzept klang innovativ, frisch, unverbraucht. Und dann noch von Turtle Rock Studios, den Entwicklern des legendären Left 4 Dead – die müssten das Spielprinzip ja gekonnt umsetzen können! Doch der Traum von Dynamik und Genre-Revolution ging irgendwo zwischen Ankündigung und Release verloren. Ob das nun an der grausamen DLC-Politik, dem eintönigen Gameplay, dem unausgegorenen Drumherum lag? Die Wahrheit heißt vermutlich: von allem etwas. Wenige Wochen nach dem offiziellen Release mit Dutzenden von Tausenden gleichzeitigen Online-Spielern war Evolve bereits mausetot.

Schade drum! In das Spiel hatte ich große Hoffnung gesetzt und mich enthusiastisch in die Beta gestürzt. Die Atmosphäre, die Evolve aufbaut, ist einzigartig und etwas ganz Besonderes im Multiplayer-Genre. Asymmetrische Shooter versprechen, so wesentlich vielschichtiger zu sein als die typischen Team-Deathmatch-Runden. Auf der einen Seite ein Team aus vier Jägern, das sich aus unterschiedlichen Klassen mit unterschiedlichen Rollenverteilungen zusammensetzt, auf der anderen Seite ein Monster, das Futter sucht, um stärker zu werden, das verspricht von Anfang bis Ende Spannung für jeden Beteiligten. Für die Jäger ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, das Monster aufzuspüren, für das Monster ist es ein spannendes Kräftemessen mit gleich vier Gegnern gleichzeitig. Eine nervenaufreibende Hetzjagd – zumindest auf dem Papier. Denn in der Praxis hatte Evolve ganz, ganz viele Probleme in diversen Bereichen. Gameplay, Charaktersystem, Spielmodi, Karten, sogar PR: Nichts war so gut, wie es zur Ankündigung des Spiels klang und hätte sein können.

Evolve

You either die in a shitstorm or live long enough to see yourself become a free to play game

Nun spielen die Verantwortlichen das trotzige Kind, das an seinem Lieblingsspielzeug festhält und es auf keinen Fall loslassen möchte, egal wie alt und vergammelt es ist. Anderthalb Jahre nach Release wird Evolve kostenlos spielbar. Ja, das Evolve. Das Evolve, das als Free2Play-Spiel entwickelt wurde und zu Release zum Vollpreis verkauft wurde. Das Evolve, das trotz Vollpreis-Release an überteuertem DLC festhielt. Das Evolve, dessen Entwickler auch noch stolz darauf waren, es als „DLC-Plattform“ anzubieten. Das Evolve, in dem man 15 Dollar für ein neues Monster zahlen durfte. Das Evolve, für das es nicht einen, sondern gleich mehrere Season Passes gab.

Worauf ich hinaus will: Evolve war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Jeder konnte das sehen, nur die Entwickler und Publisher anscheinend nicht. Die riesigen Alpha- und Beta-Tests mit je über 100.000 erwarteten Spielern schienen den Grundstein für ein erfolgreiches Spiel zu legen, aber der massive Hype um Evolve war ein einziger Luftballon, künstlich aufgeblasen. Und mit einem großen Loch, denn die heiße Luft entwich schneller, als die PR-Abteilung nachlegen konnte.

Einen Multiplayer-Shooter definieren für eine lange Lebensspanne vor allem der Wiederspielwert und die Langzeitmotivation. Nun sollten wir bei einem Vollpreisspiel alle davon ausgehen, dass es um diese beiden Punkte besser bestellt ist als bei einem Free2Play-Titel, schließlich haben die Entwickler per se mehr Geld zur Verfügung. Dazu kommt noch die Tatsache, dass Evolve laut den Entwicklern den „besten DLC-Support aller Zeiten“ haben sollte. Das Spiel sei „darauf ausgelegt, ein langes Leben zu haben“. Ha, Pustekuchen: Auf Steam rutschte Evolve in kürzester Zeit auf unter 1.000, bald auf wenige hundert Spieler gleichzeitig ab. Das lag ohne Zweifel an fehlendem Content, am repetitiven Gameplay und an fehlender Langzeitmotivation. Darüber können wir gerne diskutieren, müssen wir aber meiner Meinung nach nicht: Evolve war kein gutes Spiel im Sinne des Spielers. Die Turtle Rock Studios hatten es einfach nicht geschafft, in vier Jahren Entwicklungszeit aus Evolve ein Spiel mit Mehrwert zu machen. Sein einziger Mehrwert bestand darin, mit überteuertem und ohne Aufwand geschaffenem DLC (Simple Monster-Reskins für Geld anbieten – hallo?) Geld einzuspielen.

Jan Dreeser

Sprich mich lieber nicht auf The Witcher an. Ich werde dich zwingen, alle acht Bücher zu lesen. Alle. Acht. Denn sie sind das Großartigste, was jemals jemand auf dieser Welt produziert hat. Alle! Acht!