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Kais Kolumne – Wie Shadow Of The Colossus mein Leben veränderte

In dieser Kolumne widme ich mich ausnahmsweise mal nur einem einzigen Spiel. Einem Spiel, das mich und mein Leben verändert hat. Shadow Of The Colossus.

Es muss im Sommer oder Herbst 2005 gewesen sein, als ich im inzwischen nicht mehr vorhandenen OPM (Offizielles PlayStation Magazin) eine Vorschau zu einem eigentümlichen Spiel gesehen habe. Ein paar vage Worte, zwei, drei Bilder von gigantischen Kreaturen und einem kleinen Mensch, der diese besiegen musste. Ein ganzes Spiel voller Bosse. Wow! Ich war hin und weg, völlig begeistert und hatte gleich das Gefühl, dass das etwas Besonderes sein musste. Ich sah kein Interface, keine fetten Knarren, keine Monsterhorden oder detaillierte GUIs mit Dutzenden Möglichkeiten, etwas an sich oder am Spiel zu ändern. Der Fokus lag völlig auf den Kolossen.Mansion_of_Hidden_Souls_

Bis zu jenem Zeitpunkt spielte ich bereits seit fast zwei Jahrzehnten Computer- hauptsächlich aber Konsolenspiele. Und da waren viele unglaublich gute Titel bei. The Legend Of Zelda: A Link To The Past war ziemlich klasse, weil das Spiel genau zu einer Zeit herauskam, in der ich besonders anfällig für Spiele war. Diese bunte Welt, die eindringliche Musik, die vielen versteckten Geheimnisse: Zelda war ein Meilenstein der Videospielgeschichte. Terranigma war auch klasse, Illusion Of Time, Mansion Of Hidden Souls für den Sega Mega CD war auch gigantisch. Letzteres war sogar so toll, dass ich mich davon derart habe inspirieren lassen, dass ich anfing, eine kleine Geschichte zu schreiben. In meinen jungen Jahren kupferte ich die Story lediglich ab, aber das war egal. Die Vorstellung, in einem Haus nach verlorenen Seelen zu suchen, die alle in Form von Schmetterlingen durchs Gebäude flatterten, fand ich so mystisch und unheimlich, das hat mich echt berührt.

Hatte ich nicht geschrieben, ich rede nur von einem einzigen Spiel? Wie das so ist, scheint alles in einem Zusammenhang zueinander zu stehen.

Wie gesagt: ich schrieb. Aber als Kind hat man noch so viele andere Dinge im Kopf, dass manches, was einen eben noch am emotionalen Schopf gepackt hatte, ein paar Wochen später bereits wieder völlig in Vergessenheit geraten ist.

Die Jahre vergingen, ich lernte noch viele schöne Spiele kennen, aber sie alle hatten eines gemeinsam: Sie waren nur Spiele. Mehr nicht.

Bei Shadow Of The Colossus wusste ich gleich vom ersten Lesen dieser halbgaren Preview, dass da ein Spiel auf mich wartete, dass wie für mich gemacht zu sein schien.

Mein Leben ging weiter, das Schreiben dümpelte so vor sich hin. Immer mal wieder angefangen, nie etwas zu Ende gebracht. Aber es befriedigte einen kreativen Trieb in mir, der letztlich jedoch zu keinem Ergebnis führte.

Plötzlich hatte meine Mutter Shadow Of The Colossus gekauft. Was? Ich hatte den Release verpasst. Ich luxte ihr das Spiel ab und verkroch mich damit zu Hause.

Mit dem ersten Spielen setzte sich ein Stein ins Rollen, der zum Beispiel dazu geführt hat, dass ich hier und heute diese Kolumne schreibe. Warum das so ist, erkläre ich später.

Ich befand mich also in dieser eigenartigen Welt, die damals, zu PS2-Zeiten, wirklich schön war. Fernab von pöbelnden Machos, hysterischen Furien und panischen Menschenmengen gab es da zunächst nur den Jungen, der ein lebloses Mädchen auf einem Pferd in ein einsames Land bringt. Er möchte es zum Leben erwecken, weil das, so hat er mitbekommen, in diesem ominösen Tempel möglich sei, in dem das Abenteuer beginnt – und enden wird.

Wander heißt der Kerl. Er spricht wenig, er stellt nichts infrage, er macht einfach. Naiv und blauäugig tut er Alles, um seine Liebste zu retten. Wer ist sie überhaupt, was ist das für ein Land, wie hat er davon erfahren, wo kommt er her, wer ist Wander in Wirklichkeit? So viele Fragen und keine davon wird beantwortet. Ich wurde nicht überfrachtet mit einer hanebüchenen Hintergrundstory, mit zu vielen Informationen. Ich war einfach und nahm an dem Teil, wo Wanders Abenteuer begann.

Im Detail brauche ich von Shadow Of The Colossus nicht zu berichten, denn entweder kennt man es oder man muss es noch spielen. Dazwischen gibt es nichts.

Surrealität, Einsamkeit, Melancholie – Ich liebte es!

Von dieser eigentümlichen Situation, in der der Protagonist scheinbar ohne viele Erklärungen in die Geschichte geworfen wird, einfach nur getrieben von dem Wunsch, etwas Gutes zu tun, das hatte mich beeindruckt. Untermalt von sphärisch anmutenden Klängen, als befände man sich in einer Traumwelt.shadow of the colossus

Die Surrealität wurde spätestens bei den Kolossen wahrheit, die mich zutiefst beeindruckten. Mann, was fand ich die geil, ich sage es offen heraus. Fast jeder mag dicke Brocken als Gegner, aber was ich da geboten bekam, das übertraf meine kühnsten Erwartungen. Was aber noch schöner war, war, dass die Kolosse in keiner Form diesen übertrieben aufgepimpten und overpowerten Gegnern in regulären Videospielen ähnelten. Die Aufritte blieben relativ schlicht, es wurden keine großen Töne gespuckt. Eigentlich waren die Kolosse einfach nur … da. In dieser extrem einsamen Welt ziehen sie irgendwo stoisch ihre Bahnen, ungerührt dessen, was zu ihren Füßen passiert. Sie sind Mischungen aus Tier und Mensch, etwas entstellt, aber nicht grauenerregend. Aus ihren Augen leuchtet das Leben wie aus einer anderen Zeit. Die massiven Körper bewegen sich träge, zermalmend aber nicht bösartig. Eigentlich, das wird mir erst später bewusst, sind die Kolosse völlig neutral. Sie stellen keine Bedrohung dar, greifen niemanden an, sie verteidigen höchstens ihr eigenes Lebens. Die Kolosse sind die personifizierte Natur und Wander, der vermeintlich Gutes tun will, repräsentiert die Menschen. Als er am Ende alle 16 Kolosse besiegt hat, Herr über die Natur ist, erkennt er erst, was er da angerichtet hat, wie sich alles gegen ihn wendet und er eigentlich der große Verlierer ist.

Nehmen wir uns selber zu wichtig und lassen alles andere außer Acht, um unsere Interessen durchzusetzen? Ist das Leben eines Mädchens bedeutsamer als das von 16 uralten Kolossen? Warum erkennen wir unser schadhaftes Handeln oft erst, wenn es zu spät ist?

Diese und viele weitere Fragen ergeben sich aus diesem tief philosophischen Spiel, das wahrlich als Kunst bezeichnet werden kann. Und mich ließ Shadow Of The Colossus mit eben jenen Fragen zurück, über die man lange, lange nachdenken kann.

Nach dem Durchspielen probierte ich mich gleich am Time-Trial-Modus, der zwar gut ist, weil die mitunter lästige Reiterei von Koloss zu Koloss wegfällt, andererseits aber auch zu sehr Casual ist, weil eben das Reisen durch das gottverlassene Land zur insgesamten Stimmung beiträgt.

Vom Spielen zum Schreiben

Normalerweise spiele ich ein Spiel durch, bin mal mehr, mal weniger begeistert, denke vielleicht noch: schade, dass es vorbei ist. Aber dann hake ich es ab. Erledigt. Her mit dem nächsten Spiel.

Bei Shadow Of The Colossus war das nicht so. Ich konnte nicht aufhören, über diese epischen Kämpfe nachzudenken. Das war so krass: Man klettert als winzig kleiner Mensch auf einen gigantischen Koloss und schafft es tatsächlich, ihn zu Boden zu bringen. Was für eine Macht, was für eine Dynamik!

Kai Seuthe Kolossia Band 1 CoverUnd so, wie es auch damals bei Mansion Of Hidden Souls gewesen war, vollzog es sich nun auch bei Shadow Of The Colossus. Mich inspirierte dieses Feature, der Besteigung von kolossalen Wesen derart, dass ich nicht anders konnte, als eine Geschichte zu schreiben. Aber ich wollte keine platte Kopie wie in meinen Jugendjahren schreiben, sondern ich wollte etwas ganz Eigenes erschaffen. Der Rest ist meine Geschichte. Die Kurzform: Ich schrieb, ich versagte, ich las extrem viel über das Kreative Schreiben, ich schrieb erneut, ich korrigierte, ich unterhielt mich mit Schriftstellern, traf mich, las, las, las, schrieb, probierte, wurde veröffentlicht, wurde besser und schließlich … erschien 2013 mein umfangreicher Roman Kolossia, der in zwei Teilen veröffentlicht werden musste, weil ich es mit der Menge übertrieben hatte.

Ich gebe zu, es ist kein Glanzstück der Weltliteratur, aber schon eine spannende Geschichte, vor allem ab dem zweiten Band. Was aber viel großartiger war, war, dass ich es endlich geschafft hatte, eine Geschichte von Anfang bis Ende fertig zu schreiben und zu veröffentlichen. Shadow Of The Colossus hat mir dabei großartige Dienste geleistet. Ich stellte mir oft vor, wie mein Protagonist auf seinen Koloss kletterte, wie sich das anfühlen mochte. Natürlich hatte ich mir längst den offiziellen Soundtrack zu Shadow Of The Colossus aus Japan bestellt (Daichi no hōkō , Gebrüll der Erde), welcher auf meinem PC, auf dem mp3-Player, im Auto und sogar auf der Arbeit rauf und runter lief. Ich kenne alle Stücke, ich kann sie alle mitsummen, ich kenne fast alle Coverversionen und gucke auch heute noch immer wieder nach neuen Varianten von dem berühmtesten Stück, The Opened Way. Junge, was habe ich mir den Soundtrack wie ein Abhängiger reingepfiffen.

Das hat mich echt unterstützt und meine Fantasie unglaublich gefüttert.

Shadow Of The Colossus hat meinen Blick auf die Welt der Video- und Computerspiele verändert. Es hat mir gezeigt, dass es auch in diesem Genre, genau wie bei Filmen und Romanen, auf die Geschichte, auf den Hintergrund des Ganzes ankommt, ja, vielleicht sogar um einen tieferen Sinn. Bombastische Ballerorgien, weltumspannende Kriege, Universen voll Aliens, Horror-Schock-Metzeleien – alls das kann mich nur noch schwer beeindrucken, wenn die Geschichte dahinter nicht stimmt.

Letztlich bin ich mit meiner Schreiberei hier bei Gameplane.de gelandet. Shadow Of The Colossus hat mich ans Schreiben gebunden, mich gezwungen, meine Skills zu verbessern. Vor acht Jahren hätte niemand meine Texte lesen wollen, glaubt es mir …

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