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Kais Kolumne – Warum ist Retro so in?

Früher war alles besser. Eines der bekanntesten Bla-Blas aller Jahrhunderte und aller gesellschaftlicher Schichten zieht sich wie ein Parasit durch die Köpfe der Menschen. Es ist auch völlig egal, um welches Thema es geht, sicher ist, dass wir heute mehr zu leiden haben als in den „guten alten Zeiten“.

Das Fernsehen war früher eigentlich besser, weil man ja nur drei Programme hatte und dadurch nicht von der Masse an billig produziertem Schrott erschlagen wurde. Wenn nichts Vernünftiges in der Glotze kam, ging man raus spielen. Internet ist sowieso der Untergang der guten Kultur, weil jeder nur noch online ist und das echte soziale Leben darunter leidet. Damals hatten wir noch Freunde, heute trifft man sich online und vergisst sich ebenso schnell wieder, wie man auf „Freundschaftsanfrage schicken“ geklickt hat.

f-zero_gameplayWer ein Auto hat, der weiß, dass auch die Blechkisten früher viel besser waren. Da fehlte der Großteil der Elektronik und somit gab es auch weniger Gelegenheiten, dass das Teil den Geist aufgeben konnte. Der Motor war übersichtlich; wenn etwas kaputt ging, konnte man es mit ein paar Handgriffen reparieren. So war das nämlich.

Der Unterricht in der Schule war auch viel konsequenter. Da war nichts mit pädagogisch bis zum Erbrechen durchdachten Konzepten, in die nervige Eltern miteinbezogen wurden. Da gab es noch Zucht und Ordnung. Die Kinder hatten zu gehorchen, was notfalls mit einem gepflegten Schlag aufs Hinterteil unterstützt wurde.

Wer einkaufen ging, der bekam nur gutes Zeug, das nicht so industriell verunstaltet war, wo man auch nicht nachlesen konnte, was eigentlich drin war. Keine lästigen Auflagen von irgendwelchen Ämtern und Instituten. Ja, da durften noch Zigaretten beworben werden, da konnten sogar noch am Krankenbett geraucht werden. Ach, was war das eine schöne Zeit.

Und Spiele? Die konzentrierten sich aufs Wesentliche. Grafik? Pillepalle! Sound? Nur der Nötigste! Die Spiele waren sauschwer, es galt, den Highscore zu knacken, wer es nicht aushielt, der ging raus spielen, genau wie beim Fernseher.

faxanaduDieses Spielchen könnte man zu allem machen, was es heute gibt. In obigem Abschnitt spiegelt sich nicht unbedingt meine Meinung wieder, aber hier und da bekommt man genau diese Phrasen zu hören. Die ganz Harten murmeln sich sogar in den Bart, dass „es das früher beim Hitler nicht gegeben hätte“. Ihr könnt mir glauben, dass ich genau das vor gar nicht allzu langer Zeit gehört habe. Auch das könnte ich jetzt ausführen, aber ich widme mich dem etwas harmloseren Thema der Retro-Welle und des Retro-Trends.

 Der Retro-Stand auf der gamescom

Auf der gamescom verbringe ich einen großen Teil meiner Zeit jedes Jahr in der Retro-Ecke. Dabei bin ich gar nicht so der Retro-Fanatiker. Ich habe nie auf einem C64 gespielt, kenne die ollen Amiga-Spiele nur vom Hörensagen und habe auch nie mit einem Joystick gezockt. Bei mir fing alles mit dem Gameboy an, was ich ja schon ausführlich beschrieben habe.

Trotzdem hänge ich dort gerne ab. Die ganzen verstaubten Geräte, der verklärte Blick auf die unzähligen verbuggten, mordsschweren und unglaublich frustranen Spiele: Man fühlt sich ein bisschen, als wäre man wieder daheim in den 1980er oder 1990er Jahren. Damals, als man noch Kind war (war ja sowieso alles besser …) hat man doch genau jenes Spiel auf dem NES gezockt, das der Typ da hinten gerade daddelt.

Sofort kommen die Erinnerungen hoch. Ich denke zurück an das Weihnachtfest und die Tage danach, wenn ich wie paralysiert auf dem grauen Backstein gezockt habe, der unhandlich war und immer mehr Licht benötigte, als man gerade zur Hand hatte. Ich suchte mir eine Ecke im Haus, wo ich total verrenkt unter irgendeiner Lampe saß, sodass der Einfallswinkel des Lichtes das grünstichige Display erleuchtete, damit ich voller Wonne spielen konnte. Ich war Kind. Ich musste mir keine Gedanken machen zu Arbeit und Einkommen, es gab keine Rechnung zu bezahlen, keine Wäsche zu waschen, deutlich weniger Arschlöcher, mit denen ich den Alltag bestreiten musste, keine schwerwiegenden Entscheidungen, die über mich und mein weiteres Leben bestimmen würden. Die Eltern nahmen mir in der Regel diese Dinge ab, und heute weiß ich, was Eltern alles leisten müssen, damit ihr Kind möglichst sorgenfrei heranwachsen kann.

Mein Leben war auf die grundlegendsten Dinge beschränkt. Essen, schlafen, spielen, Aa machen und zur Schule gehen. Schule ist scheiße, aber das, was danach kommt, ist noch viel beschissener. Das bisschen Lernen, die ständigen Ferien, alle freien Wochenenden – ein mitteleuropäischer Traum. Doch, die Kindheit war schön, und die Spiele von damals sind Ankerpunkte, bei deren Anblick ich heute noch in wehmütiger Nostalgie schwelge.

Das sind die Gefühle, die da aus mir sprechen. Realistisch gesehen war natürlich nicht alles gut und heute ist es in vielerlei Hinsicht auch cooler, erwachsen zu sein, als ständig von allen abhängig zu sein und so. Das hält sich alles die Waage. Trotzdem erinnert man sich beim Anblick von Retro-Material meist nur an das Gute, das ist eine ganz natürliche psychologische Sache: Das Schlechte verblasst, das Gute überwiegt.

Die rosarote Retro-Brille

Zelda-II-The-Adventure-of-Link-the-legend-of-zelda-34558777-256-240Dass damals auch bei den Spielen nicht alles so toll war, wie man das immer in der Erinnerung hat, merke ich dann, wenn ich mich in der Retro-Ecke hinsetze, um mir tatsächlich mal ein bisschen Zeit mit alten Spielen zu vertreiben. Wie schon erwähnt ist dann der Schwierigkeitsgrad extrem hoch und ich habe gar nicht mehr die Geduld, stundenlang zu versuchen, bestimmte Passagen zu meistern, weil ich nach in der Regel drei Ableben wieder komplett von vorne beginnen muss. Oder die Spielmechanik, die nicht wirklich ausgereift war, verursacht ein Scheitern nach dem andern. Plötzlich fallen mir Bugs auf, die erklären, warum bestimmte Abschnitte fast unschaffbar sind. Die Steuerung der Autos bei F Zero ist einfach beschissen, die Strecken sind hässlich und die Gegner einfach nur asozial. Bei The Legend Of Zelda: The Adventures Of Link fällt mir wieder ein, dass ich nie besonders weit gekommen bin, weil es so unfassbar ätzend ist. Überhaupt fiel der Teil der Zelda-Serie aufgrund seiner Spielweise komplett aus dem Rahmen. Die Musik verstörte mich schon damals, auch heute noch raste ich fast aus, wenn ich von Gegnern getroffen nach hinten gedrückt werde und in der Lava versinke. The Battle Of Olympus war cool, weil mystisch und voller mythologischer Monster, aber heute sehe ich, dass auch hier die Gegner unwahrscheinlich stark sind und ich mich am Ende ziemlich alleingelassen fühle. Selbst eines meiner Lieblingsspiele, Faxanadu, ist schwer und, was noch schlimmer ist, hat eine ziemlich bedrückende surrealistische Atmosphäre, die mich als Kind schon verstört hatte. Denke ich heute an das Spiel zurück, denke ich an die Tage, in denen meine Mutter gezockt hat, mein Vater sie beraten und sogar selber mal gespielt hat und ich daneben saß, um das Ganze gespannt zu beobachten.

 

Ich mag die alten Spiele, wirklich, aber ich möchte sie eigentlich nicht mehr spielen. Sicher: Ich nehme mir das hin und wieder vor, denke zurück an Secret Of Mana, Terranigma, Illusion Of Gaia, die ganzen grandiosen Spiele, aber ich erinnere mich auch noch, dass das damals das Nonplusultra war. Das waren die High-End-Games, die man gespielt haben musste. Heute nervt mich die ewiglange Latscherei mal hierhin mal dorthin, das zähe Aufleveln, die Sucherei, weil es nicht weitergeht. Ja, das war auch so eine Sache: Bei den alten Spielen gab es sehr häufig den Fall, dass man einfach nicht wusste, wie man weiterkommen sollte, weil irgendwo im Spielverlauf eine Erklärung gefallen ist, die man überlesen hat oder die schlichtweg als wissend vorausgesetzt wurde. Da konnte man nicht im Missions-Log nachschauen, was man jetzt eigentlich zu tun hatte. Da lief man notfalls die komplette Welt noch einmal ab, sprach mit jedem verdammten Dorfbewohner sämtlicher Städte, bis man irgendwann denjenigen gefunden hatte, der einen im Spielverlauf weiterbrachte. Mensch, ging mir das auf den Sack.

terranigmaAber an die ganzen Makel denkt man im ersten Moment nicht. Da machen einem die Gefühle etwas vor, sie versetzen das eigentliche Spiel mit den Erinnerungen an die eigene Vergangenheit.

Ich denke, das ist der Hauptgrund, warum Retro so beliebt ist. Es sind nicht die alten Computer, Konsolen und Spiele, sondern es ist das eigene Ich, das man in den Geräten wiederfindet und das einem wie ein Fotoalbum einen Blick zurück in jene Zeit schenkt, in der alles irgendwie besser zu sein schien …

 

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