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Kais Kolumne – Time To Survive

„Da stehe ich nun. Es gibt keine Stelle meines Körpers, die nicht schmerzt, meine Kleidung hängt in Fetzen, Schnittwunden an allen erdenklichen Stellen. Aber ich lebe. Doch wie lange noch? Ich werfe einen Blick auf das rauchende Flugzeugwrack, halb fasziniert, dass ich es geschafft habe, den Absturz halbwegs unversehrt zu überstehen, halb beklommen, weil sich darin die Leichen der anderen Passagiere befinden.

Ich bin der einzige Überlebende. Die Maschine stürzte über einem Wald ab, dessen Wipfel vom Flugzeug aus gesehen bis an den Horizont reichten. Mitten im Nirgendwo.

Langsam wage ich mich in das Dickicht. Es ist ungewohnt still. Der Lärm der Zivilisation liegt meilenweit entfernt, nur der natürliche Hintergrundrauschen der Natur begleitet meine Schritte, während mir rasch klar wird, dass ich hier so schnell nicht wieder heraus finden werde …“

The ForestEinem ähnlichen Szenario werden wir in The Forest ausgesetzt, einem aktuell recht erfolgreichen Survival-Spiel. Mit DayZ hatte 2012 die große Welle der Survival-Games begonnen und hält bis heute an. Es ist nicht so, dass dieses Genre neu ist, doch es erlebt seit einiger Zeit einen unglaublichen Boom. Kreativität ist gefragt, sich von Tag zu Tag zu hangeln, um das eigene Überleben zu sichern. Die Entscheidung liegt beim Spieler, ob er sich bei The Forest einen windschiefen Notbehelf zimmert und von Ort zu Ort hastet, immer auf der Suche nach Nahrung, oder ob er sich eine Festung baut, um sich gegen die Kannibalen zu wehren, mit der Aussicht, sogar in die Offensive zu gehen. Ob es nun Kannibalen, Zombies oder reale Mitspieler auf einem Multiplayer-Server sind: Wir werden zum Handeln gezwungen. Spazieren wir nur ein bisschen durch die Gegend, beißen wir rasch ins Gras. Es gilt, aufzupassen und seine Umgebung stets im Blick zu halten. In den meisten Fällen halten sich HUD und Statusanzeigen dezent im Hintergrund, wenn sie nicht sogar komplett fehlen. Der Fokus liegt nur auf uns als Spieler und auf der Umgebung. Nichts soll uns ablenken. Am besten tragen wir Kopfhörer, um die Umgebungsgeräusche wahrzunehmen, um mögliche Feinde schon aus der Entfernung zu hören.

DayZDas ist beklemmend, ständig stehen wir unter Strom, in der Erwartung, hinter der nächsten Kiefer vom Feind überrascht zu werden.

Worin liegt die Faszination und warum lassen sich im Moment so viele Leute von dieser Erfahrung gefangen nehmen?

Lineare Leveldesigns kommen seit Jahren zunehmend aus der Mode. Seinerzeit war Outcast der Vorreiter des Open World-Spiels, dann kam zwei Jahre später Grand Theft Auto 3, woraufhin auch die anderen rasch nachzogen. Man merkte, dass dies ein großer Schritt in die scheinbare Spielfreiheit war. Damals hätte man sich einen Open World-Egoshooter im Traume nicht vorstellen können. Heutzutage gehört dies häufig zum Standardrepertoire.

Das Genre entwickelte sich weiter, Dead Island, Just Cause 2, Watch_Dogs, DayZ, The Crew und so weiter: praktisch jedes Genre ist mittlerweile vertreten. Was man davon nun halten mag sei dahingestellt, denn es gibt auch Stimmen, denen geht das ganze Open-World-Getue mächtig auf die Nerven. Aber das ist ein anderes Thema.

Ein guter Tag zum Sterben

Die Survival-Games sind natürliche Abkömmlinge dieser Gattung. Der Erfolg dieser Spiele liegt, denke ich, in der Nähe zum Realismus. Far Cry ist cool, aber mal ehrlich: Wie realistisch ist es, in eine derartige Situation zu kommen? Warum sollten wir uns in Söldnerkriegen befinden und Waffenexperten sein, Helikopter fliegen und Panzer lenken können? Ich denke, das kann nur ein Bruchteil der Bevölkerung. Natürlich werden wir auch niemals in die Situation kommen, uns wie in Dying Light Zombiehorden stellen zu müssen, trotzdem ist es realistisch, was die eigene Handlungsfähigkeit angeht. Wir müssen uns mit dem verteidigen, was wir finden, dort Unterschlupf suchen, wo noch Platz ist, jene Wege wählen, auf denen am wenigsten Gefahr lauert. Denn das Leben ist endlich.

Gerade in den Survival-Spielen wird der letzte Punkt oft knallhart umgesetzt. Da können wir sammeln und bauen, uns verschanzen und Taktiken ausklügeln. Wir können uns einen eigenen Garten anlegen wie in Project Zomboid: Am Ende haben wir nur ein Leben. Passen wir nicht höllisch auf, ist die ganze Mühe dahin.

Und auch das macht einen enormen Reiz aus. Ich sprach bereits darüber, dass Spiele heutzutage einen enorm leichten Schwierigkeitsgrad haben, weil es so viele Rücksetzpunkte, Autospeicher-Funktionen und grundsätzlich unendlich viele Leben gibt.

Survival-Games machen einem da einen hässlichen Strich durch die Rechnung und zeigen uns noch den Mittelfinger, wenn wir das Zeitliche segnen. Leider Pech gehabt, versuch es noch einmal. VON VORNE!

I will survive!

gta 3Der Nervenkitzel dieser Spiele liegt darin, endlich mal vorsichtig zu sein und die Spielumgebung effektiv zu nutzen. Da gibt es kein Durchrauschen, nur das Überleben. Und das fesselt natürlich. Survival-Games sind in den meisten Fällen unendlich, weshalb das Spiel auch in der Regel nicht nach ein paar Tagen durchgezockt in der Ecke liegt. Sicherlich gibt es auch in diesem Genre wieder Unterkategorien, wo es inhaltlich zwar auch ums Überleben mit kaum vorhandenen Mitteln geht, dann aber doch ein Ende in Sicht ist. Survival-Horror mit Betonung des letzten Nomens ist bekannt geworden durch Amnesia, Slender Man oder Five Nights at Freddy’s. Spiele, die kurzweilige Schockeffekte nutzen, dann aber auch rasch wieder im Schrank verschwinden oder in der Online-Bibliothek versauern.

Das kreative Überleben spricht unsere niederen Instinkte an. Wenn das Spiel gut gemacht ist, dann kann man sich diesen Urtrieben völlig hingeben. Wo sonst als im Spiel ist es möglich und nötig, durch Wälder zu irren, sich das Essen zu jagen, Fallen zu bauen und Unterschlupfe zu gestalten? Da merkt man doch gleich wieder das kleine Kind in sich, das tatsächlich solche Spiele im Wald nachgespielt hat, mit seinen Banden durchs Unterholz gestakst ist, Buden gebaut hat und so getan hat, als wäre es verloren. Das war schon cool. Würde man das heutzutage machen, landete man gleich bei mir auf der Arbeit oder hätte seinen Ruf als Spinner weg. Und wenn sich Erwachsene zu Survival-Events treffen, dann muss das ja immer geplant und strukturiert sein, feste Regeln müssen bestehen, sonst darf man nicht mehr mitspielen. Und überhaupt nehmen Erwachsene das viel zu ernst.

In digitalen Survival-Games darf man tun und lassen, was technisch möglich ist. Wer Freude daran hat, sein Essen zu horten und tagelang in seinem Baumhaus auszuharren, um den Eingeborenen dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig über den Haufen rennen, der kann das tun. Auf lange Sicht ist das natürlich etwas öde.

Und das ist letztlich auch ein kleiner Knackpunkt des Ganzen. Denn wenn es kein Ende gibt, wann entschieden wir dann, aufzuhören? Irgendwann ist alles gebaut, Vorräte unendlich vorhanden, weil man irgendeinen Weg gefunden hat, diese zu kultivieren, Feinde ausgemerzt und die Landschaft erkundet. Kann man Minecraft als Survival-Spiel betrachten? Naja, vielleicht. The Forest soll demnächst zumindest eine Art Ende bekommen, damit der Überlebenskampf sich lohnt und einem ein Gefühl des Geschafft-Habens gibt. Fast wie im echten Leben.

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