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Kais Kolumne – Müdigkeit als Symptom des Zockens

Ich sitze auf der Arbeit und fühle mich wie in Trance. Alles Gerede scheint von unendlich weit weg zu kommen, klingt dumpf wie das ferne Echo eines Ortes, an dem das Leben seine Blüten treibt. Meine Bewegungen beschränken sich auf das Nötigste, ich hebe meinen bleischweren Arm und lasse die Hand auf die Tastatur knallen, um ein paar Berichte zu dokumentieren. Wenn mich jemand anspricht, dann drehe ich den Kopf und es fühlt sich so an, als manövrierte ich eine Abrissbirne in die korrekte Position. Irgendjemand sagt etwas und ich tue so, als würde mich das besonders interessieren. Ich nicke, antworte floskelhaft und versichere, mich darum zu kümmern. Eigentlich starre ich aber nur durch meinen Gesprächspartner hindurch und hoffe, er möge doch bald wieder verschwinden, damit ich mich meiner Müdigkeit hingeben kann.

Wenn ich auf der Toilette sitze, dann ist das wie eine kleine Auszeit. Ich schließe die Augen und döse ein paar Minuten, mir dessen bewusst, dass ich mich danach keinesfalls wacher sondern noch erschlagener fühle. Auch den Rest des Dienstes bewege ich mich wie durch Sirup, mache das, was getan werden muss, aber nicht mehr. Ausgerechnet heute findet eine Teambesprechung statt, bei der ich körperlich anwesend bin, mich geistig aber in ganz anderen Sphären bewege. Das Zwinkern wird zum Kraftakt und irgendwann schreckt mich das vornehme Gelächter meiner Kollegen aus einem kurzen aber traumintensiven Nickerchen. Angesprochen auf das Thema, das wir gerade behandelt haben, brabbel ich völlig sinnfreies Zeug und habe das Gefühl, jemand anderes antwortet an meiner statt.

Weder habe ich Schlafprobleme noch bin ich krank. Ich bin einfach unsagbar müde, weil ich zu wenig Schlaf bekomme. Schuld daran bin ich selbst.

Denn ich bin Gamer.

DIE SCHLAFRÄUBER

Na, wer hat sich in dieser Szene wiedererkannt? Ist euch selber schon einmal so etwas auf der Arbeit, in der Schule oder im ganz normalen Alltag geschehen? Ich verwette mein … Snickers, dass zwei Drittel aller Zocker bereits mindestens einmal mit dieser Form der Müdigkeit zu tun gehabt haben. Warum aber tun wir uns das nur an? Wissen wir denn nicht, wie gesund Schlaf ist, dass Krankheiten sich im Schlaf auskurieren, dass die Psyche Erholung braucht und durch gepflegte Träume das Tagesgeschehen vernünftig verarbeiten kann, dass unsere Wirbelsäule, unsere Gelenke und Muskeln ausspannen müssen, was nur nach einem ausgiebigen Schlaf möglich ist? Ist es nicht auch so, dass wir viel besser gelaunt sind, wenn wir nicht nur vier Stunden geschlafen haben? Sind wir denn bescheuert, uns wegen eines Spiels die Nacht um die Ohren zu schlagen, wissend, dass der kommende Tag dadurch zum Reinfall wird?

Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass ich meine Prioritäten ganz klar setze. Am Tage hat die Familie Vorrang, Kinder wollen ihre Eltern erleben und nicht dauernd fort geschickt werden, weil Papa GTA spielen möchte. Sicher, es gibt Eltern, die haben da keine Hemmungen und zermetzeln Zombies in Gegenwart ihrer Sprösslinge, ich aber mache das nicht. Auch andere Spiele kann ich nicht in Gegenwart meiner Kinder spielen, nämlich jene, wo man sich wirklich für Konzentrieren muss, weil das Spiel entweder komplex ist oder viel erzählt wird, es viel zu lesen gibt und so weiter. Kinder möchten so etwas miterleben und reden darüber, beratschlagen einen, wie man zu spielen hat und wollen einem eigentlich am liebsten den Controller aus der Hand reißen. Ist ja auch mal in Ordnung, wenn man diese Spieleinheiten wohl dosiert. Ich achte darauf und zocke tagsüber hin und wieder auf dem Handheld oder dem Smartphone. Aber die richtigen Knaller, die kommen nur nachts, wenn alles schläft. Dann habe ich Zeit, dann bin ich ungestört. Ich habe einen Let’s Play-Kanal zu pflegen und sorge dafür, dass täglich eine Folge erscheint, mehr kann ich zeitlich nicht leisten, bin ja kein Gronkh.

MinecraftAuf der anderen Seite gibt es auch Spiele, die einen einfach dazu nötigen, gespielt zu werden. Und dabei geht es nicht um lästige Free2Play-Spielereien, sondern um bodenständige und gute Spiele. Dass es davon sehr viele gibt, seht ihr regelmäßig auf Gameplane. Damals, als es noch neu war, konnte ich mich in Minecraft verlieren, so wie wenn man sich früher als Kind im Lego-Bauen verloren hat. Stundenlang graben, stapeln, craften, erforschen – Minecraft ist ein echter Schlafräuber.

Multiplayer-Spiele bringen einen ebenfalls um die nötige Bettruhe. Das war damals bei mir mit Red Dead Redemption so, eines der wenigen Spiele, deren Multiplayer-Funktion ich mal ausprobiert habe. Eigentlich stehe ich da nämlich nicht so drauf. Aber in diesem Fall hat es mir höllisch Spaß gemacht, zumal ich mir auch gerade die Erweiterung Undead Nightmare gekauft hatte. Warum konnte ich damit nicht aufhören? Zum einen natürlich, weil es sich absolut nicht eignete, am Tag gespielt zu werden, zum anderen hat man das Gefühl, seine Multiplayer-Freunde zu verlieren, wenn man sich auslogt, als täte man ihnen Unrecht, als verrate man sie. Man kann die Kumpanen doch nicht im Kampf alleine lassen! Außerdem ist nicht sichergestellt, dass man diese Leute noch einmal wieder sieht. Beim nächsten Mal könnten irgendwelche Cheater-Kiddies am Start sein, die einem den Spaß versauen. Ganz schlimm wird es mit der Müdigkeit erst, wenn man sich mit Leuten zum Zocken verabredet, die man kennt, Freunde womöglich. Uiuiui, das kenne ich noch von ganz früher. Da habe ich mit einem Kumpel gemeinsam vor dem PC gesessen und Grand Theft Auto und Half Life gespielt. Immer abwechselnd. Mal er, mal ich. Das ging schon mal so lange, bis die Morgendämmerung einsetzte. Und ich hatte am kommenden Tag Schule. Eine Zeit lang konnte ich mich in der Oberstufe einfach krank melden, bis man Verdacht schöpfte und mir eine Attestpflicht aufbrummte. Naja, das ist eine andere Geschichte.

Ein Kommentar

  1. Patrick Kirst

    Sehr schön geschrieben und man erkennt sich stark wieder :D

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