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Kais Kolumne – Mein zweites Mal

Als Kind war ich davon abhängig, wann mir meine Mutter ein Spiel für meinen Game Boy kaufte. Das Taschengeld investierte ich natürlich in gesunde Süßigkeiten und lehrreiche Micky-Maus-Hefte. Dementsprechend hoch war der emotionale Wert eines Spiels für mich. Da man als Kind von elektronischen Medien noch hypnotisierter ist als die meisten Erwachsenen, daddelte ich mir die Finger wund.

An ein-und-demselben Spiel.

Ich gebe zu, dass es auch daran lag, dass ich nicht gerade ausgeprägte Zocker-Skills besaß, sodass ich manche Spiele bis heute nicht geschafft habe. Hey, die waren auch viel schwerer! Aber das wissen wir ja.

Super Mario Land, meinen ersten Kracher auf dem Game Boy, konnte ich gut schaffen. Unzählige Male. Ist das nicht verrückt? Ich habe dieses Spiel so oft gezockt, bis ich wirklich alles kannte und nahezu perfekt konnte. Stunden-, nein, tagelang. Wenn ich die Musik heute höre, dann ist es wie beim Pawlow’schen Hund, dem der Sabber beim Ertönen des Glöckchens lief: mir kommen nicht unbedingt die Erinnerungen, aber die Emotionen ins Gedächtnis zurück, die ich damit verbinde. Klassische Konditionierung halt.

Ein Mangel an Spielen härtet ab

Spiel: gargoyles questMystic Quest, ein Ableger der Final-Fantasy-Reihe, war auch einer dieser Titel, die ich immer wieder in die Hand nahm, obwohl er, wie fast alle RPGs, ziemlich umfangreich war. Doch als Jungspund nimmt man das, was man kriegen kann. Und wenn nichts anderes vorhanden ist, dann versucht man sich auch zum hundertsten Mal an Gargoyles Quest. Dieses Spiel war verstörend, viel zu düster und unheimlich für mich, natürlich komplett auf Englisch und verwirrend. Ich bin nie besonders weit gekommen, habe es aber trotzdem immer wieder versucht.Spiel: Balloon Kid Game Boy

Oder Balloon Kid. Ein ziemliches, pardon, Arschloch-Spiel, das ich auch heute nicht bis zum Ende schaffen würde. Ein Sidescroller, bei dem das richtige Timing entscheidend ist. So großzügige Rücksetzpunkte wie heute gab es damals noch nicht, ebenso keine Speicherfunktion sondern ein Continue, das auf eine übersichtliche Zahl beschränkt war. Haste das nicht geschafft, musstest du wieder von vorne anfangen.

Und das habe ich.

Aber irgendwann ging das verloren. Bereits auf dem NES und dem SNES habe ich Spiele nur ein einziges Mal gespielt. Heute, nach vielen Jahren, wallt in mir manchmal etwas Wehmut auf und ich habe das dringende Bedürfnis, alte Games noch einmal zu zocken.

Es gibt seit einiger Zeit The Secret Of Mana für iOS und Android zu kaufen, eines dieser Spiele, das zu den Zugpferden des SNES gehörte. Das war ganz groß, ganz neu, ganz individuell in seiner Spielweise. Theoretisch müsste ich es mir kaufen und spielen, weil ich weiß, dass es gut war (und ich persönlich diesen Teil nie zu Ende gespielt habe).

Aber dann kommt da wieder dieses Phänomen der heutigen Zeit, das mir mitteilt, dass ich eigentlich keine Lust habe, weil ich es „ja schon kenne“.

Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern, was in Secret of Mana passiert ist, die Hintergrundgeschichte ist völlig verblasst. Sicherlich würde ich an einigen Stellen „Ach ja“, denken, aber das wäre nicht oft. Im Grunde genommen würde ich ein Weltklasse-Action-Adventure-RPG fast neu erleben.

Trotzdem: ich werde es höchstwahrscheinlich nicht tun.

Gibt es zu viele Spiele auf dieser Welt?

Das Problem ist, dass es so unglaublich viele Angebote gibt, sich mittels Spielen zu unterhalten, dass man gar nicht mehr weiß, wo man überhaupt anfangen soll. Da ist es gerade mal so drin, ein Spiel einmal zu zocken, bevor man sich einem neuen Titel zuwendet. Ausnahmen gibt es bei mir heutzutage nur wenige. Nicht, weil die Titel schlecht sind, nein, vieles ist ja sogar deutlich besser als Balloon Kid. Aber je älter man wird, und je mehr Auswahl man hat, desto eher beschleicht einen das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man seine Lebenszeit einem Spiel zuwendet, das man bereits einmal gezockt hat. Es erwarten einen keine Überraschungen mehr, die Missionen sind bekannt, die Story ist geläufig, Fallen und gescriptete Sequenzen kennen wir im Voraus, lustige Dialoge rufen noch maximal ein Schmunzeln hervor, auf lästige Passagen können wir uns bereits im Vorfeld einrichten, sie aber lässiger betrachten, weil wir wissen, dass wir es ja bereits einmal geschafft haben.Spiel: Shadow of the colossus

Eines der wenigen Spiele, das ich auf der PS3 ein zweites Mal gezockt habe (und das ich sogar ein drittes Mal let’s playen werde), ist Shadow Of The Colossus. Weil es einfach genial ist. Es ist so gigantomanisch, dass ich mich entschieden habe, während ich diese Zeilen hier schreibe, extra für dieses Spiel eine Kolumne zu verfassen.

Zurück zum Kernpunkt. Warum sollte ich ein Spiel ein weiteres Mal spielen? Die ganzen neuen Blockbuster, die meisten von ihnen würde ich nicht noch ein zweites Mal angucken. Aber nicht, weil sie schlecht wären. Was aber machen die Entwickler falsch, wenn sie so extrem teure Spiele wie Battlefield produzieren? Die Grafik, die Orchestereinlagen, das Motion Capturing, Werbung und Merchandising, gamescom, Mitarbeiter ohne Ende und, und, und. Call Of Duty: Modern Warfare 2 kostete 50 Millionen Dollar in der Produktion. Und wie oft spielen wir so etwas? Einmal. Vielleicht auch ein bisschen länger, wenn es eine Multiplayer-Funktion gibt. Aber was reizt einen, die Singleplayer-Kampagnen mehrmals zu zocken? Mich nichts. Wenn bei mir nur der Gedanke an ein Wiederspielen aufkeimt, wird die frische Retro-Saat gleich wieder erstickt, weil es ja unlängst einen Nachfolger, eine neue Konsole, bessere, lautere, teurere Titel gibt, die danach lechzen, gekauft und gespielt zu werden. Durchschnittliches Spielvergnügen: Kaum länger als 30 Stunden (Final Fantasy bleibt da mal ganz außen vor, wobei ich auch das auf keinen Fall ein zweites Mal zocken würde – weil es zu umfangreich ist).

Ich muss zugeben, dass das meine ganz persönliche Erfahrung ist. Es gibt etliche Leute, die spielen ihre Games tatsächlich mehrmals. Mich würde interessieren, wer das macht und was ihn dazu bringt. Schreibt mir doch bitte in die Kommentare.

Davon mal abgesehen: Ich gucke auch keine Filme und Serien ein zweites Mal, Bücher verkaufe ich häufig nach dem Durchlesen. Ist das eine Macke oder nur ein Zeichen der Zeit, in der vieles auf die einmalige Benutzung ausgelegt ist?

Nur Neues macht glücklich

Schon mal von geplanter Obsoleszenz gehört? Das ist ein Trick der Industrie, gerade elektronische Medien nur einen bestimmten Zeitraum lang haltbar zu machen. Ihr erinnert euch bestimmt an die ein oder andere Situation, wo euch irgendetwas kaputt gegangen ist und ihr dachtet: Na toll, gerade jetzt ist die Garantiezeit abgelaufen. Erkennt ihr den Zusammenhang?

Spiele gehen natürlich nicht kaputt, wenn man sie pfleglich behandelt. Aber auch Entwicklerstudios und Publisher denken wirtschaftlich. Wieso sollten sie also ein Spiel rausbringen, das die Menschen jahrelang fesselt, ohne dass es Updates und anderweitige Neuerungen gibt?

Sicher, die technischen Möglichkeiten entwickeln sich weiter, irgendwo sitzen ja auch hochmotivierte Leute an den Rechnern, die heiß darauf sind, immer besser zu animieren, zu texturieren und ihr Gelerntes in die Tat umzusetzen. Das fällt vor allem in der Indie-Szene auf, wo viele Projekte durch Crowdfunding-Aktionen gestemmt werden müssen.

Blickt man auf die großen Titel, bleibt nach dem Durchspielen oft ein fader Geschmack übrig. Nach dem Motto: Das war es jetzt? Ich will mehr, ich will Neues, das Alte ist Vergangenheit. Der Multiplayer-Modus wird vielleicht noch ein paar Wochen genutzt, bis man das Spiel seltener anschmeißt und es wie Altkleider im Schrank verschwindet.

Spiel: red dead redemptionMir ging es zum Beispiel so bei Red Dead Redemption. Mann, was habe ich mich darauf gefreut. Als ich es dann besaß, zockte ich den Storymodus durch, probierte den Multiplayer-Modus aus und … das war’s. Etwas später kam die Zombie-Erweiterung, die ich natürlich auch gespielt habe. Aber dann war wirklich Schluss, obwohl es so unheimlich toll ist. Ich denke noch immer gerne an diese offene Western-Welt zurück, an den wunderbaren Song Far Away von José González, wenn man das erste Mal mexikanischen Boden betritt und den langen Ritt zum nächsten Anlaufpunkt bestreitet. Wow, das war überwältigend. Eines der besten Spiele aller Zeiten. Und ich habe das Gefühl, ich müsste es noch einmal spielen. Es steht immer noch in meinem Regal, ich bin nicht bereit, es zu verkaufen, weil ich denke, dass ich es noch einmal spielen sollte.

Bestimmt werde ich das nicht tun, und ich finde es jetzt schon traurig, Red Dead Redemption nur das eine Mal gezockt zu haben. Aber ich kann nicht anders.

Das waren ein paar Gedanken dazu. Dass ich die meisten Spiele kein zweites Mal spiele ist kein Weltuntergang. Sich darüber zu beklagen wäre dekadent, weil es sich um ein klassisches Erste-Welt-Problem handelt, das keines ist.

Vielleicht sollten wir einfach die Dinge, die uns umgeben und mit denen wir wertvolle Lebenszeit verbringen, mehr wertschätzen, sie als etwas Besonderes betrachten, Achtsamkeit im Umgang mit uns und unseren Bedürfnissen üben, damit wir nicht ständig das Gefühl haben, uns etwas Neuem und Aufregenderem zuwenden zu müssen.

2 Kommentare

  1. Patrick Kirst

    Sehr schöne Kolumne zu einem Thema, über das ich mir selbst schon so meine Gedanken gemacht habe.
    Es ist einfach so gewesen, dass man damals (bei mir die Zeiten des NES, SNES, N64,…) wenig Spiele hatte und diese einfach bis zum Erbrechen gezockt hat, egal wie schlecht sie waren. An Terminator 2 auf dem SNES habe ich heute noch dermaßen gute Erinnerungen, obwohl es, mit Verlaub, ein dermaßen unfaires Kack-Spiel ist. Die Ermangelung an Geld und Spielen hat einen einfach tiefer in die jeweiligen Games geholt.
    Bei mir persönlich hat dieser Überfluss an Games mit der PS360-Generation angefangen, als die Sales begonnen haben und das britische Pfund günstig war. Damals kamen wöchentlich mehrere Titel bei mir an. Noch dazu begann dort die Bündelung aller großartigen Titel auf die Herbst-Monate, so dass man einfach nicht Alles durchspielen konnte. Jetzt im Nachhinein fühlt es sich so an, als ob man heute „weniger vom Spiel“ hat, was gar nicht wahr ist. Man hat einfach zu viele Games. Früher hat man sich durch Titel durchgebissen, heute sage ich nach fünfmal sterben „F*ck You!“ und starte ein anderes Game von meinem Pile of Shame (der übrigens dem Schiefen Turm von Pisa mittlerweile Konkurrenz macht).
    Was einen von diesem Gefühl des Pflicht-Zockens befreit? Ich denke die Worte „Freiheit durch Verzicht“ beschreiben es ganz gut. Man sollte sich selbst fragen, ob man Titel XY wirklich haben muss, nur weil die Fachwelt meint, dass es der neueste heiße Shit ist? Muss man sich Tomb Raider 22 im Steam Sale kaufen, nur weil es günstig ist?
    Aber ich muss zugeben, ganz kann ich davon auch nicht lösen. Ich würde liebend gerne nochmal GTA V durchspielen. Doch denke ich mir an der Stelle immer „Hmm, dann sind wieder X Stunden weg, die man etwas anderes zocken könnte…“. Jedoch nehme ich mir in diesem Fall vor auf der Next-Gen definitiv noch mal GTA durchzuspielen.

    Alles im Allem wünsche ich mir das Gefühl von damals wieder, jedoch gepaart mit der Vielfalt der Titel von heute.

    Btw.: Alte Titel erneut zocken liegt bei mir auch im Trend. Ich spiele sicherlich ein mal im Jahr Max Payne 1 & 2, Terranigma und Illusion of Time durch. Einfach weil es ein Brauch geworden ist.

  2. André Göldner

    Ich denke die Problematik hat jeder in seinem Leben schon einmal gehabt. Wenn ich die 8 Meter in mein Wohnzimmer laufe, dann habe ich dort einen kompletten Schrank mit PC Titeln. Angefangen bei den Siedlern 2, bis hin zu großen und aktuellen Titeln wie Watch_Dogs. Die meisten von Ihnen habe ich einmal durchgespielt. Viele auch nur angespielt. Irgendwo mittendrin ging der Reiz verloren und ein neuer Titel hat sich in den Vordergrund gedrängt. Trotzdem gibt es immer wieder Spiele, die ich wie ein gutes Buch immer wieder hervorhole um mich daran zu erfreuen. Dazu gehört StarCraft II, genau so wie das gute alte Terranigma für das SNES. Warum? Weil ich ein Anhänger der guten Geschichten bin. Wenn eine tolle Story sich mit einem guten Spielgefühlt paart, dann fesselt es mich auch über die Jahre hinweg.

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