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Kais Kolumne – Lernspiele für Doofe?

Auf der gamescom 2014 durfte ich das Spiel Hello Kitty Happy Happy Family antesten, laut Hersteller Big Ben eines der Lernspiele, die kleine Kinder in ihrer Entwicklung fördern sollen und so. Tja, ich habe ja keine Hemmungen, auch das dämlichste und fürchterlichste Spiel zu testen. Ja, ich habe sogar ein Let’s Play von Barbie in meinem Programm. Ich bin da gewissermaßen abgehärtet.

Aber Hello Kitty Happy Happy Family war so schrecklich, dass ich mich noch nicht mal überwinden konnte, eine Review zu verfassen. Meine Lebenszeit ist mir wichtiger. Ich könnte zum Beispiel, in der Zeit, wo ich diesen Artikel geschrieben hätte, meine Füße enthornen, oder das Unkraut mit der Pinzette aus der Einfahrt entfernen, oder die Werbeblättchen nach Farben, Daten und Gesamtpreisen sortieren. Das wäre alles viel, viel spaßiger, als mir dieses grauenvolle Spiel noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.

Kurzum: Es ist zu bunt, es ist zu schrill, es ist Hello Kitty. Lieber Spielehersteller: Bitte diese Kritik nicht zu persönlich nehmen. Ich habe das Spiel nach kurzer Zeit beiseite gelegt, weil … muss ich das noch erklären? Eine ausführliche und fundierte Rezension befindet sich bestimmt irgendwo im Netz.

RTL, Stopfmaschinen und Hello Kitty

Denn dieses Spiel soll gar nicht das Thema der heutigen Kolumne sein, sondern vielmehr das Lernspiel als Solches. Sind derartige Lernspiele überhaupt nötig? Was genau lernen die Kinder daraus? Und wenn man die Zielgruppe von beispielsweise Hello Kitty Happy Happy Familiy betrachtet: Wer setzt sein Kleinkind an den Nintendo 3DS, damit es etwas lernt? Bei mir ploppen da gleich die Familien aus dem RTL-Nachmittagsprogramm auf, wo die 13-jährige Schakkeline ihren fünfjährigen Kevin-Pascalle bei der Oma in der verrauchten Drecksbude zurücklässt, weil sie ganz dringend ihrem Hauptberuf als Reinigungskraft bei Dixie nachgehen muss. Die Oma indessen, selber bereits stolze 30 Jahre alt, zofft sich mit ihrem Feinripp-tragenden Freund um die Stopfmaschine, sodass sich der billige Drehtabak auf dem Fliesentisch verteilt, während Kevin-Pascalle neben dem überquellenden Katzenklo hockt und wie besessen Hello Kitty Happy Happy Family zockt, weil er so gerne eine glückliche Familie hätte.

Wirklich, ich würde meinen Kindern diese Art von Lernspielen nicht antun, denn die Dinge, die es in diesen Spielen zu lernen gibt, die sollte man seinem Kind bereits vorher im alltäglichen Leben beigebracht haben. Das setzt wiederum ein gewisses Maß an Kommunikation voraus. Wer mit seinen Kleinsten nur auf dem Niveau eines geistig retardierten Grottenolms redet, der kann nicht erwarten, dass das Kind genügend Motivation entwickelt, seine Umwelt zu begreifen und zu verstehen.

Ich schweife vom Spielethema ab, aber noch eine kleine Anekdote: In der Grundschule meines Sohnes gesellten sich vier Erstklässler dazu, die alle zufällig nicht im Kindergarten waren. Die Klassenlehrerin beklagte sich über den Erziehungsauftrag, den sie zu leisten habe, denn die Sprösslinge beherrschten nicht mal die Grundkenntnisse zu Farben, Formen und Richtungen. Und das in der Schule. Da kann dann auch kein noch so ambitioniertes Lernspiel helfen, wenn die Eltern es schlicht verpassen, ihren Kindern die Welt zu erklären. Wirklich beschämend.

Lernspiele, die sich an ältere Spieler richten, können durchaus ganz gut sein. Diese ganzen Gehirnjogging-Sachen, Fremdsprachen-Coaches, Vokabeltrainer etc., das sind nette Ergänzungen und helfen einem, spielerisch bestimmte Themengebiete leichter zu erfassen.

Als ich ein kleiner Junge war gab es diese pseudo-pädagogischen Lernspiele nicht. Und niemand hat sie vermisst. Oder kennt ihr irgendjemanden, der heutzutage sagt: Ach, hätte ich doch damals bloß Hello Kitty Happy Happy Family gehabt, dann wäre ich heute nicht so dumm?

Frustrationstoleranz: Coole Sache

Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Trotzdem habe ich durch das Zocken viel gelernt. Ich hatte ja bereits erwähnt, dass bei mir alles mit dem Game Boy angefangen hatte. Die meisten Spiele waren hammerhart. Ich habe gespielt, verloren, gespielt, verloren, neu angefangen, ausprobiert und nicht aufgegeben. Meine Frau wundert sich heute noch, welche Geduld ich beim Zocken habe, wo sie den Controller schon längst an die Wand gepfeffert hätte. Bei ihr waren Konsolen nicht so dauerpräsent wie in meiner Familie. Meine Mutter, meine Brüder, ich, ja, zeitweise sogar mein Vater haben in unseren Leben viel gespielt und tun es auch heute noch. Meine Frustrationstoleranz bedankt sich, denn nicht nur bei Spielen sondern auch bei etlichen anderen Dingen im Leben habe ich viel Geduld und lasse mich nur schwer aus der Ruhe bringen.

Natürlich habe ich den Game Boy auch mal in die Ecke geworfen, geflucht, das Gamepad gewürgt und mit der Faust so hart auf den Tisch geschlagen, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Doch wäre ich zu weit gegangen, hätte ich meine geliebte Spielekonsole oder die anderen Dinge zerstört. Da konnte ich mich immer zurück halten. Heute ist das kein Thema mehr.

Sicher, Frustrationstoleranz kann man auch anders lernen, das ergibt sich häufig im Laufe des Lebens. Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen, an der Kasse in der Schlange stehen, Behördengänge, Staus und so weiter. Überall werden wir damit konfrontiert, unsere Emotionen im Zaum zu halten, auf dass sie nicht aus uns herausbrechen und wir Amok laufen. Gottseidank funktioniert das auch ohne Spiele. Ich glaube jedoch, dass die Spiele damals noch mal ein Schippchen draufgelegt haben.

Mit elektronischen Spielen lässt sich aber noch weitaus mehr lernen, ohne dass der Lernstempel auf der Packung prangt.

Minecraft, der Klassiker schlechthin, wird mittlerweile sogar an einigen Schulen genutzt, um bestimmte Sachverhalten zu verdeutlichen. Meine Jungs spielen auch gerne mit Lego, aber in Minecraft Welten zu erbauen hat natürlich eine ganz andere Qualität. Würde ich sie lassen, säßen sie stundenlang vor dem PC, um die tollsten Dinge zu erbauen, die mit Lego gar nicht möglich sind, weil Teile fehlen, nicht die richtige Farbe da ist, es umkippt, die Katzen dagegen läuft, der Bruder aus Zorn dagegen tritt oder es am Ende einfach scheiße aussieht. Bei Minecraft hingegen respektieren sich die Brüder plötzlich, die Bedürfnisse des anderen werden wahrgenommen, man ermitteln gemeinsam Strategien, wie ein Haus konzipiert werden muss, damit die Zombies nicht reinkommen oder damit kein Creeper das Gebaute in die Luft jagen kann. Plötzlich ist man sich einig.

Ich hatte meinen Jüngsten vor Kurzem mal spielen lassen. Er zeigte mir am Abend, was er geleistet hatte. Mit seinen gerade mal sechs Jahren hatte er es geschafft, ein über der Wüste schwebendes (stilisiertes) Flugzeug zu bauen, das über bestimmte Mechanismen TNT abwerfen konnte, was als Feindabwehr dienen sollte. Ich war wirklich überrascht, denn ein solch komplexes und vorausschauendes Denken hätte ich ihm zumindest in Bezug auf dieses Spiel nicht zugetraut.

Nicht nur Duschen macht glücklich

Auch andere Games sind Lernspiele, auch wenn sie nicht so heißen. Die Sims sind ein gutes Beispiel für das Verstehen-Lernen von Bedürfnissen, für das Erkennen können von Zusammenhängen, wie sich einige Dinge im Leben die Waage halten. Wenn es von dem einen zu viel gibt, leidet an anderer Stelle jemand anderes darunter. Hunger, Spaß, Müdigkeit, Hygiene, all diese Dinge müssen sich einigermaßen im Gleichgewicht befinden und sollten auf jeden Fall gefördert werden, damit es dem Sim gut geht. Auch das ist natürlich eine Thematik, die sich im Aufwachsen ganz natürlich ergibt, um deren Lernen man kaum herum kommt. Kindergarten, Schule, Familie und alle sozialen Tätigkeiten lehren uns, dass wir unseren Fokus nicht nur auf ein oder zwei Bedürfnisse richten können. Wenn wir uns nicht ganzheitlich um uns kümmern, dann wird es uns schlecht gehen. Dafür braucht man nicht die Sims, aber gerade als Erwachsener, der sich in seinem Leben auf einen bestimmten Pfad eingeschossen hat, kann sogar ein solches Spiel erhellende Erkenntnisse liefern.

„Irgendwie fühle ich mich nicht gut. Ich bin satt, ich habe Freunde, mit denen ich mich regelmäßig treffe, ich befriedige meinen Spieltrieb wann immer es geht, aber irgendwie … vielleicht sollte ich mich mal duschen!“

Age Of Empires spricht unser strategisches Denken an, Multiplayerspiele erfordern ein annehmbares Sozialverhalten. Wer sich nicht an bestimmte Grundsätze des freundlichen Miteinanders halten kann, der fliegt. Das geht im Internet sogar noch einfacher als im realen Leben.

Ein wunderbares Beispiel für den Konflikt, Entscheidungen zu treffen, bietet die Infamous-Reihe. Wo kann man ansonsten so rasch zwischen Gut und Böse wechseln, wo werden uns die Folgen unseres Handelns derart schnell bewusst? Ähnliche läuft es bei einigen GTA-Missionen ab. Erschieße ich die Geiseln, damit sie mich nicht verraten, oder lasse ich sie am leben und riskiere es, dass sich mich irgendwann auf der Straße erkennen könnten? Glücklicherweise müssen wir im realen Leben nur sehr selten solch fundamentalen Entscheidungen treffen. Aber auch hier bieten Spiele wieder einmal ein wunderbares Feld für das Ausprobieren. Was wäre, wenn … nirgendwo darf ich dieser Frage hemmungsloser Nachgehen als in Games, ohne dass ich etwas zu befürchten habe. Die einzige Konsequenz wäre ein miserabler oder hinfälliger Spielstand.

Lernspiele sind in den meisten Games integriert, ohne dass das Lernspiel-Etikett darauf prangt. Wenn sich ein Spiel als solches Bezeichnet, dann geht der Schuss oft nach hinten los. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Noch ein Hinweis an alles Eltern: Wer mit seinem Kind keinen vernünftigen Umgangston pflegt, stundenlanges Zocken familiären Interaktionen vorzieht, wer zu bequem ist, seinem Kind die Welt zu zeigen und zu erklären, der sollte diese vermeintlichen Lernspiele mal ganz schnell wieder zurück ins Regal stellen und seinem Sprössling beibringen, wie man Blau und Gelb unterscheiden kann.

Ein Kommentar

  1. Der Beitrag ist versehentlich zwei Mal an FB geschickt worden

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