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Kais Kolumne – Kriegsgebiet Gamescom

In ein paar Tagen ist es endlich wieder soweit. Das Gaming-Großereignis im europäischen Raum, Gamescom genannt, lädt wieder abertausende Besucher ein, sich in seinen Hallen mit Spielen und Gaming-Accessoires die Zeit zu vertreiben. Die über 600 Aussteller schwitzen gerade wahrscheinlich Blut und Tränen, ihre Schlafanzüge sind mit purem Adrenalin getränkt, Werbemüll Gaming-Merchandising-Utensilien stapeln sich bei den Mitarbeitern bis zum Giebel. Alles dampft und kocht und ist heiß, lauter hyperaktive Stimmungsmacher brüllen sich im heimischen Schlafzimmer für die Bühnenshows warm.

Die Ehefrauen freuen sich, ihre völlig abgedrehten Gatten für mindestens vier Tage vom Hals zu haben, Teenager bekommen endlich wieder ein glückliches Lächeln ins Gesicht, Eltern haben sturmfreie Bude und sorgen für Nachwuchs, Köln pulsiert, alles wird bunt und trendy und ultramodern.gamescom

In den Hallen ackern die Leute, dekadent gigantische Bauten werden hochgezogen, kleine Aussteller, die nicht mehr als drei Wände und zwei Stühle dabei haben, freuen sich, einen guten Platz erwischt zu haben, Essen wird angeliefert, die Küchen für den Massenansturm präpariert, Sicherheitspersonal geschult, Brandschutzkontrollen durchgeführt, Fluchtpläne überarbeitet, Maskottchen trainiert, Handlanger instruiert und so weiter und so fort.

Ich könnte ewig so weitererzählen, ihr müsstet inzwischen festgestellt haben, dass ich Aufzählungen liebe.

Wow, am kommenden Mittwoch, naja, am Donnerstag geht es richtig ab. Das verspreche ich euch.

Ich war bisher bei jeder Gamescom, weil ich es nicht weit habe und mit meinem Ticket umsonst fahren kann. Null Umstände, mega praktisch.

Inzwischen habe ich es mir angewöhnt, in mein Handgepäck immer ein bis zwei Tabletten eines Kopfschmerzmittels zu packen. Denn die braucht man am Ende eines Gamescom-Tages. Warum das so ist, werde ich euch kurz erläutern, denn ein Tag auf der Gamescom ist nicht nur spannend, sondern auch un-glaub-lich anstrengend.

Im Strome der Jugend

Mein Tag wird sehr früh beginnen. Ich mache mich mich fertig, steige ins Auto und fahre zum nahegelegenen Bahnhof. Warten, einsteigen, Vorfreude. Ein paar Stationen weiter füllt sich der Zug. Viele, viele, viele Jugendliche steigen in der Kreishauptstadt ein. Die meisten tragen lustige Brillen, T-Shirts, ulkige Hüte oder andere Dreingaben der Publisher, weil sie bereits ein paar Tage zuvor auf der Messe waren. Ich sitze mitten unter ihnen und habe das Gefühl, gespoilert zu werden, was ja eigentlich Quatsch ist. So gigantische Überraschungen gibt es auf der Gamescom nun auch nicht. Es ist nicht die E3, wo tatsächlich fast täglich irgendwelche Info-Bomben gezündet werden, die dich aus den Socken hauen. Eigentlich ist die Gamescom ein sehr, sehr langer und gut gemachter Werbeblock inmitten eines allzu tristen Spielfilms, in dem es um Krieg im nahen Osten und Ebola in Westafrika geht. Zerstreuung trifft es da ganz gut.

Zurück in den Zug. Ich bin umringt von Jugendlichen, die sich über das unterhalten, was sie die Tage zuvor schon gesehen habe, und über das, was sie heute noch erleben wollen. Sie sind ganz aufgeregt und hibbelig, irgendwie süß. Puh, ich werde alt.

Wir kommen in Köln/Deutz an, der Zug pulsiert inzwischen wie eine geschwollene Vene an der Schläfe meines ehemaligen Mathelehrers. Alle wollen raus, wie Tiere stehen sie an den Fenstern, die Schiebetüren öffnen sich, die Strömung treibt mich hinaus.

Ja, ich gebe zu, das ist jetzt etwas melodramatisch formuliert, aber es spiegelt ein bisschen das Gefühl wieder, das von einem Besitz ergreift, wenn man zur Gamescom fährt.

Und ich bin noch nicht mal drin!

Wie ein Herdentier (jetzt macht der schon wieder so weiter …) folge ich den anderen Menschen, vorbei an der Bahnhofsbäckerei, an Kiosken, an Obdachlosen und an Muggeln.

Gamescom-Zombies auf der Suche nach dem Eingang

Gamescom 2014Ich verlasse das Bahnhofsgebäude und sehe das wuchtige Messezentrum vor mir liegen. Wie die Zombiemassen bei Resident Evil steuern die von Vorfreude geschüttelten Besucher auf das Gebäude zu. Links, rechts, vor und hinter mir, alles dreht sich darum, wer an den vordersten Plätzen steht. Manche rennen, andere gucken dämlich hinterher. Ich mache da nicht mit, ich bin ein genügsamer Mensch.

Mit meinem bereits im Internet erworbenen Ticket muss ich mich an keine nervige Kasse anstellen, sondern werde gleich zu Halle 11 geleitet, die extra für die Besucher gedacht ist, die bereits eine Eintrittskarte haben.

Ich folge den vorgegebenen Pfaden und treffe auf einen dicken Klops Menschen. Wie eine Thrombose verstopft dieser Pfropf den Weg, weil der Durchgang durch die Drehkreuze noch nicht freigegeben ist. Hinter mir folgen unzählige Weitere. Am Ende werden sich in diesem Bereich an die tausend Besucher aufhalten, die auf den Einlass warten.

Kein guter Ort für eine Panik, echt nicht.

Das passiert zum Glück nicht. Einer kippt um, wahrscheinlich dehydriert, Rettungspersonal kommt und kümmert sich um den Patienten und den Mob. Nur ein kleiner Zwischenfall.

Eine Dreiviertelstunde später: Meine Beine fühlen sich an wie Zement, es wird enger, überall berühre ich unfreiwillig fremde Menschen, was ich echt nicht gut ab kann. Erste unangenehme Gerüche dringen in meine Nase, doch das ist nur der Anfang: Heute sollen es 30 Grad werden.

Plötzlich klatschen die Leute, ein leises Jubeln geht durch die Menge – die Gamescom hat geöffnet.

Wieder dauert es eine Weile, bis ich meinen Weg zum Drehkreuz gefunden habe.

Dann geht alles ganz schnell: Die Besucher verteilen sich, der Stau löst sich auf und alle sind wieder entspannt. Bis auf ein paar Ausnahmen, die weiterhin rennen, weil sie unbedingt irgendwo als erstes dran sein wollen.

Außenseiter machen mich glücklich

Und so schlendere ich über die Gamescom. Neun Stunden lang. Die großen Publisher interessieren mich nicht. Ihre aufdringliche Art nervt mich, die großen Bühnenshows sind laut und haben das Niveau eines Kindergeburtstages. Nein, ich stehe am Rand, beobachte manch einen Freak, suche die Ecken nach den kleinen Ständen ab. Ich habe schon immer etwas für Außenseiter übrig gehabt. Dort tummeln sich auch nicht so viele Leute (es sei denn, es gibt etwas umsonst). Die Mitarbeiter sind auch am Sonntag, wenn ich auf der Gamescom bin, noch freundlich und motiviert und behandeln mich wie einen potentiellen Großkunden ihrer Produkte. Ich kann mich mit ihnen unterhalten, darf Dinge ausprobieren und bekomme bei genauerem Nachfragen oft mehr Infos, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.

Ich sammle Werbung, Geschenke, kaufe überteuerte Lose, um Trash-Spiele zu gewinnen, staube kostenlose Energy-Dinks ab, mampfe völlig überteuertes Fast-Food, weil ich nun mal Hunger habe und mir nichts zu Essen mitgenommen habe. Wie immer.

An den unglaublich langen Warteschlangen zu den FSK 18-Bereichen gehe ich hochnäsig vorbei, weil ich weiß, dass diese Trailer, die dort gezeigt werden, spätestens nächste Woche bei YouTube zu sehen sind. Und für zehn Minuten Gameplay stelle ich mich nicht drei Stunden an.

Überall rauscht es, Menschen plappern, Lichter blinken – ein Alptraum für Epileptiker.gamescom screenshot 2

Am frühen Nachmittag zeige ich erste Ermüdungserscheinungen. Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen zum Ausspannen. Der Retro-Bereich eignet sich dafür hervorragend. Da treiben sich ein paar Nerds rum, die sehr viel Gemütlichkeit ausstrahlen. Sitzsäcke, Bänke, alte Konsolen. Da ist nie viel los.

Aber ich habe auch das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich mich zu lange dort aufhalte. Also stürze ich mich nach einiger Zeit wieder in den Trubel, ins Geschrei, in den zunehmenden Gestank durchgeschwitzter T-Shirts und sonstiger Ausdünstungen. Draußen knallt die Sonne.

Schmuddelhefte und KiK – Wie passt das zusammen?

Es ist der letzte Tag der Gamescom und ich weiß, dass die Publisher heute besonders großzügig sind, ihre Goodies unters Volk zu bringen. Kistenweise werden da die Schlüsselanhänger, Taschen, Mützen, Shirts etc. auf die Bühnen gebracht und den hysterischen Massen entgegen geworfen. Der Moderator der Bühnenshow wird dabei angehimmelt wie der Messias selbst: „Bitte, beehre mich mit einem Satz Sticker und erlöse mich von meinem unendlichen Leid, zu wenig deiner Werbung mit nach Hause zu nehmen! Was, du hast ein T-Shirt zu verschenken?! Oh mein Gott, ich will ein Kind von dir!“

T-Shirts ziehen auf der Gamescom wie Schmuddelheftchen in der Jugendherberge. Es wird alles dafür getan, um ein Stück billig produzierten Stoffes zu ergattern. Die Leute werden richtig aggressiv, wenn man ihnen eines vor der Nase wegschnappt. Meine Güte, beim KiK um die Ecke bekommst du ein Shirt für deine Seele, also stell dich nicht so an.

Irgendwann ist es endlich geschafft. Ich schwitze, meine Schultern hängen, meine Fersen brennen – ich bin richtig am Arsch.

Auf dem Weg zum Bahnsteig beginnt plötzlich mein Kopf zu protestieren. Ein unsäglicher Schmerz breitet sich aus, weil ich zu wenig getrunken und gegessen habe, ich meinem Hirn zu viele Bilder, zu viel Lärm zugemutet habe.

Gut, dass ich eine Tablette dabei habe. Im Zug starre ich geistesabwesend aus dem Fenster, während ich Köln hinter mir lasse. Die Menschen um mich herum wirken genau so erschöpft.

Es dauert eine Weile, bis ich endlich einen Sitzplatz bekomme. Ich stöbere in meiner Werbebeute, blättere in Heftchen, schaue auf Flyer, gucke mir die Größe eines T-Shirts an und merke, dass mir das nicht mal im Traum passen wird und denke bei alledem: was soll ich mit dem Scheiß? Zu Hause werde ich es in eine Schublade packen, dorthin, wo auch noch die Sticker von der Gamescom 2009 rumfliegen.

Zu Hause dauert es eine Weile, bis ich mich akklimatisiert habe. Der Kopf hat sich beruhigt, die Schreie der Menschen hallen noch nach, ich ziehe mir etwas Bequemes an und nehme mir vor, nächstes Jahr ganz sicher nicht mehr dorthin zu gehen. Genau wie die Jahre zuvor.

gamescom-screenshot-1

Dies spiegelt in etwa die Erfahrung des letzten Jahres wieder und ich rechne damit, dass es auch dieses Mal ähnlich sein wird.

Trotzdem freue ich mich, denn es ist das Gesamtpaket, das überwältigend ist, mit all seinen Nachteilen. Wer die Möglichkeit hat, dorthin zu kommen, der sollte das tun. Vielleicht sehen wir uns ja dort.

Wer es nicht dorthin schafft, der bekommt hier auf Gameplane.de jeden Tag brandaktuelle Infos zur Gamescom. Aber das wisst ihr ja inzwischen bestimmt.

Bis dann und eine spannende Woche!

Über Kai Seuthe

Kai Seuthe
Kaius spielt seit der Grundschule und wird das auch noch im Altersheim tun. Er ist als Let's Player KiltKaius unterwegs, schreibt Bücher und macht noch viele andere kreative Dinge. Retro-Spiele mag er, Rechtschreibfehler nicht. Darum kümmert er sich auch darum.

3 Kommentare

  1. Marcel Matz

    Da ich das erste mal auf der Gamescom sein werde hast du es geschafft mir Angst zu machen lieber Kai ! ;)

    • Kai Seuthe

      Muahahaha, nimm dich in Acht :D
      Da du aber als Presse-Man dorthin gehst, wird die Erfahrung nicht ganz so schlimm sein … hoffe ich :)

  2. Daniel Blitztor/ Füser

    Ich hoffe dort werden nicht zu viele leute sein dass das so endet wie auf der loveparade, Das Ticket mit kostenloser fahrt habe ich auch ist richtig praktisch.

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