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Kai Kais Kolumne Handy Handyspiele

Kais Kolumne – Gaga im Kopf durch Handyspiele

Es hat lange gedauert, bis ich mich dazu hinreißen ließ, mir ein Handy zu holen. Quatsch, Handy ist das ja nicht mehr. Nein, ein Smartphone, ein Mini-Computer, der mehr Rechenleistung hat als die Computer, die die Mondlandung steuerten.

Und was mache ich mit diesem Wunderwerk der Technik? Ich daddel was das Zeug hält. Mein Vorsatz, das Smartphone nur für dessen ursprünglichen Zweck zu verwenden, hielt eine ganze Stunde. Wer mit Gameboy und NES aufgewachsen ist, der weiß, wo seine Prioritäten liegen.

Zuvor habe ich jahrelang auf den altbekannten Handhelds wie Nintendo DS oder PSP gezockt, jetzt kommt das Handy mit seiner schier unüberschaubaren Auswahl an Spielen hinzu.

Die Spiele kosten nichts oder nur sehr wenig und nehmen mich rasch gefangen. Stunde um Stunde fresse ich Urlauber bei Hungry Shark Evolution oder renne kilometerweit bei Temple Run. Bei Clumsy Ninja kann ich den halben Tag damit verbringen, den trotteligen Kämpfer aufzupowern, bei Clash Of Clans plane ich minutiös, wie und wann ich am besten mein Dorf aufbaue, und zu welchen Zeitpunkten des Tages ich mich erneut einloggen muss, um den nächsten Bau in Auftrag zu geben.

Flappy Bird, der Spacko, fesselt mich Ewigkeiten, nur damit ich meinen persönlichen Highscore von knapp 20 Röhren breche. Bei Spielen wie Zombie Tsunami, Jetpack Joyride und Brave Frontier vergeht viel Zeit, indem ich immer und immer wieder dieselben Dinge tue, nur um mich irgendwann mal aufzuleveln.

Es vergehen nur ein paar Tage, bis aus meinem spielverwöhnten Hirn ein klebriger Matsch geworden ist, der nichts anderes mehr verarbeiten will als Casual Games. Mit Genickstarre hänge ich krumm über dem Display und tippe wie blöde darauf herum.

Würden wir Primaten in einer Forschungseinrichtung beobachten, wie sie derlei Dinge tun, dann würden wir sagen: „Oh, toll, was er schon kann, der Affe“, wissend, dass er niemals in der Lage sein wird, das Niveau eines Homo Sapiens zu erreichen.

Ich aber bin ein Homo mit der Betonung auf Sapiens, der geübt ist im Umgang mit Games. Man sollte meinen, ich hätte im Laufe der Jahre einen Anspruch an das entwickelt, was ich spiele. Tetris ist nett, reißt mich aber nicht mehr vom Hocker. Inzwischen brauche ich eine gute Story, nette Grafik, schöne Musik und alles andere, was ein gutes Spiel ausmacht.

Und dann lasse ich mich derart von Handyspielen gefangen nehmen, die in den meisten Fällen in mindestens einer der Kategorien auf ganzer Linie versagen.

Casual Games dienen dem reinen Zeitvertreib für den Spieler und in den meisten Fällen der Gewinnoptimierung des Entwicklers oder Publishers. Eine ganz und gar kommerzielle Beziehung, die nicht befriedigt.

Das merke ich nämlich. Diese Spiele machen mich nicht glücklich oder versetzen mich in Staunen. Weder habe ich das Gefühl, was echt Tolles erlebt oder geleistet zu haben, noch werde ich in Jahren an diese Spiele zurückdenken. Ich erinnere mich noch sehr gut an Spiele wie Faxanadu (NES), Mystic Quest (Game Boy) oder Landstalker (Mega Drive) oder auch an moderne Spiele wie Heavy Rain (PS3), Fahrenheit (PS2) oder alle Zelda-Teile. Das sind einfach toll gemachte Spiele, bei denen zwar auch ein kommerzieller Hintergedanke tragend war, der aber mit dem Kauf des Spiels sein Ende hatte. Keine Specials, die mich im Spiel schneller weiterbrachten, weil die Entwickler nervig langweilige Passagen einbauten. Es wird mit der Geduld des Spielers gespielt, und wir wissen alle, wie ungeduldig Menschen sind. Entweder haben wir das nötige Kleingeld, um uns bei einem Handyspiel rasch Vorteile zu verschaffen oder wir sind dazu gezwungen, uns über Wochen täglich einzuloggen, damit wir irgendwann mal das Ziel erreichen, das uns das Spiel vorgibt.

Ich gebe es zu: Ich bin bereits mehrmals darauf angesprungen. Aber nur in den ersten Wochen. Da inzwischen fast jedes Handyspiel so daher kommt, kann ich mich davon gut distanzieren.

Und siehe da: Es funktioniert auch so. Denn zum reinen Durchzocken sind diese Casual Games nicht geeignet. Im Grunde genommen sind sie stinklangweilig und schlecht durchdacht und sollen uns nur durch vermeintlich gute Angebote bei der Stange halten.

Wenn man seinem eigenen Schweinehund widerstehen kann, dann lässt sich nach einer Weile das Gerüst dahinter erkennen: Spiele so und so viel Stunden – komme an einen Punkt, der dich entweder völlig überfordert oder dich zwingt, tagelang zu warten – kaufe doch ein Extra, damit es schneller geht. Nun gibt es zwei Möglichkeiten:

a) du bleibst standhaft und wartest.

b) du kaufst dir das Goodie.

In beiden Fällen befindest du dich letztlich in einer Schleife. Man kommt immer wieder an den Punkt, an dem es nervig ist. Die Kunst der Entwickler liegt darin, diesen Punkt so weit nach hinten zu verschieben wie es geht. Dafür gibt es eigens Leute, die sich darum kümmern. Thomas Hartwig, der bei King arbeitet (Candy Crush Saga), hat darüber ein paar Worte verloren.Kai Blanko

 

Gottseidank konnte ich diesem Sog bereits einigermaßen entkommen. Mein Fokus verschiebt sich wieder mehr auf die guten alten (oder neuen) Handhelds, deren Spiele wirkliche Spiele sind. Die können mich auch stundenlang fesseln, rufen bei mir aber nicht so ein widerwärtig frustranes Gefühl hervor, wie es die Casual Games tun. Ich liebe alle Professor Layton Spiele für den Nintendo DS, und in gewisser Weise sind diese Minispielchen auch Casual. Aber es steckt viel mehr dahinter, sodass das Preis-Leistungs-Verhältnis deutlich besser ist. Rechnete man das Geld einmal um, das man in ein x-beliebiges Casual Game wie z.B. Haye Day investieren kann, dann kommt man schnell auf mehrere hundert Euro.

Ist das gerechtfertigt? Natürlich nicht!

Leider sehen das noch zu wenig Leute, weil der Markt, den diese Spiele einnehmen, gigantisch ist. Die Firmen machen einen Gewinn von vielen Millionen Dollar pro Jahr, selbst dann, wenn nur jeder zweite oder dritte Spieler einmal im Monat etwas kauft. Das lohnt sich wirklich.

Ich habe schon lange niemanden mehr im Bus, im Zug oder im Wartezimmer sitzen sehen, der seine PS Vita oder seinen 3DS rausgeholt hat, um eine Runde zu zocken. Selbst an der Kasse im Discounter stehen die Leute, um sich die Wartezeit mit einem Spiel auf dem Smartphone zu verkürzen.

Ob ich das schon mal gemacht habe … Sprechen wir lieber nicht davon.

Ich hoffe, und ich prognostiziere mal vorsichtig für die Zukunft, dass dieser Trend rückläufig ist. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, in der alles schneller gehen muss. Kurze Videos bei YouTube boomen (sogenannte Vine-Videos), News werden immer rasanter, zu jedem Pups, den irgendwer auf der Welt querhängen hat, gibt es einen Live-Ticker, im Arbeits- und Privatleben werden viele Dinge kürzer und effektiver gestaltet.

Sollte man sich da nicht wenigstens mal Zeit für Spiele nehmen? Dafür sind die doch da. Mit den Spielen gehen wir einem Hobby nach, das wir nicht machen müssen, das uns beruhigen soll, das uns Freude bereiten soll. Wenn ich Clash Of Clans aufrufe, dann kann ich drei Minuten spielen, bis ich wieder unzählige Stunden warten muss, um weiterspielen zu können. Das macht doch keinen Spaß, mal im Ernst.

Knackpunkt ist natürlich das liebe Geld. Keiner will Geld ausgeben, alle wollen Spaß haben. Das ist eine Kombination, die keinem Gamedesigner weiterhilft. Das Entwickeln, das Debuggen, das Hosten der Games auf einem Server kostet alles Geld, das darf man nicht vergessen. Aber wer gäbe schon zwanzig Euro (was gemessen an den Preisen für neue Konsolenspiele lächerlich wäre) aus, um sich ein Handyspiel zu kaufen? Niemand. Selbst die Minecraft Pocket Edition liegt mit ihren 5,49 € hart an der Grenze und verkauft sich nur, weil das Original so populär ist. Ansonsten wäre es ein digitaler Ladenhüter.

Ich persönlich wäre jedoch bereit, deutlich mehr Geld für Smartphone-Spiele auszugeben, die qualitativ und quantitativ mit den Games für die bekannten Handhelds auf einer Ebene sind. So, wie es aktuell Gang und Gäbe ist, wird das Smartphone oder das Tablet die alteingesessenen Konsolen und den PC nicht vom Markt drängen, wie immer mal wieder gemunkelt wird.

Übrigens: Spiele für Nintendo DS und die PSP sind derzeit so günstig wie noch nie, da es für beide Konsolen schon seit längerem die Next-Gen-Fassungen gibt. Unter den „alten“ Spielen gibt es noch viele Schätze, die euch langen Spielspaß garantieren.

Außerdem: Beide Konsolen besitzen eine Memory-Hold-Funktion, also die Möglichkeit, das Gerät mitten im Spiel auszuschalten, um später weiterzuzocken.

So, ich habe die PSP am Ladegerät, um gleich mein neues altes Spiel … oh, mein Dorf wurde von 吐瀉 angegriffen, da muss ich doch erstmal gucken …

4 Kommentare

  1. Die Quelle für die Zahlen hätte ich mal gerne gesehen.

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