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Kais Kolumne – Ein ernsthaftes Problem

Wir leben in einer der wohlhabendsten Gesellschaften der Welt in einem Zustand, den sich nicht mal die Könige der vergangenen Jahrhunderte hätten erträumen können. Uns mangelt es an nichts, ob wir nun gut verdienen oder nicht, ob wir arbeitslos sind oder Topverdiener. Im Grunde genommen haben wir alles, was wir zum Leben brauchen. Den berühmt berüchtigten Blick auf „Dritte Welt“-Länder erspare ich mir an dieser Stelle, das wird uns ja täglich vorgehalten. Beschweren wir uns einmal über unseren Zustand, kommt gleich der Vergleich mit den Ärmsten der Armen, denen es ja tatsächlich viel schlechter geht als uns, und dass wir eigentlich keinen Grund haben, uns zu beklagen.

Ist auch richtig. Man sollte die eigenen Bedürfnisse und vor allem das eigene Leid hin und wieder im Kontext zu anderen Menschen sehen und sich fragen, ob es tatsächlich so schlimm ist, ob es keinen Ausweg aus der Misere gibt.

Im Internet gibt es viele sehr lustige Memes, eines davon sind die First-World-Problems. Ich könnte mich dabei begeiern, weil es einem so herrlich den Spiegel vorhält und uns zeigt, dass viele unserer Probleme eigentlich keine sind. Hier unten sind mal drei lustige Erste-Welt-Probleme (Kurzer geschichtlicher Exkurs: Erste Welt und Zweite Welt waren eigentlich die Ost- und Westmächte, die sich in den Zeiten des Kalten Krieges gegenüberstanden. Die Dritte Welt waren jene Länder, die sich aus diesem Konflikt herausgehalten haben. Damit wäre zum Beispiel die Schweiz ein Dritte-Welt-Land. Im Laufe der Jahre wandelte sich das geflügelte Wort Dritte Welt allerdings zu einem Synonym für Länder, die rückständig, verarmt und politisch instabil sind. Klugschiss Ende).

Ich kann nicht alles spielen, was ich habe :(

Diese Kolumne nutze ich, um mich über den Zustand des Überflusses zu beklagen. Aber keine Sorge: Das hier wird kein politischer Diskurs über die Wirtschaft und die Verteilung von Gütern, nein, noch wichtiger: Es geht um den Überfluss an Games in meinem Schrank und in meinem Steam-Account. Und ja: Ich muss zu diesem Zwecke auch die Vergangenheits-Peitsche wieder rausholen:

Früher, als ich noch jung und frisch war, hatte ich nur wenig Spiele für meinen Game Boy. Darüber habe ich ja schon ausführlich berichtet. Jedes Spiel war eine Besonderheit und wurde konsequent gezockt, bis ich es (mehrmals) durch hatte oder bis es mich so frustrierte, dass ich das Interesse daran verlor. Auf Flohmärkte gingen meine Eltern kaum, darum gab es fast nur zu den Feiertagen (Geburtstag, Weihnachten, Bestechungsversuche) ein neues Spiel.

Ihr wisst, wie sich der Spielemarkt seit den ausgehenden 1980er Jahren entwickelt hat und wo wir heute stehen, dazu muss ich nichts mehr sagen.

Heute stehen wir da und haben eine Auswahl an Spielen, die schier unüberschaubar ist. Was nicht zuletzt aber auch daran liegt, dass ich erwachsen bin und mir kaufen kann, was ich will (Juhuuu!). Meine Kinder haben freilich nicht die Auswahl, sondern müssen sich mit dem begnügen, was ihre Eltern ihnen kaufen. Das hat sich also nicht geändert. Blickt man noch einmal zurück, gab es auch damals bereits Spiele im Überfluss, wenn man es sich leisten konnte, diese zu kaufen.

Viele Leute sind dazu übergegangen, sich ihre PC-Spiele über Onlineplattformen wie Steam oder Origin zu kaufen, für die Konsoleros gibt es ebenfalls integrierte Shops, in denen sich die Games digital erwerben lassen. Dahingehend gibt es natürlich Rabattaktionen, Summer-Sales, Midweek Madness, Weihnachtsspecials, und so weiter und so fort. Und die Angebote sind wirklich toll: Noch nie war es so einfach, brandaktuelle Games zu sensationellen Preisen zu kaufen.

1600 Spiele in der Steam-Bibliothek

Was dann auch fleißig getan wird. Gerade heute habe ich wieder den Hinweis bekommen, dass ein Spiel auf meiner Steam-Wunschliste zum vergünstigten Preis käuflich zu erwerben ist. 75% Rabatt, wow! Ich habe nur noch 7 € Steam-Guthaben, trotzdem könnte ich es mir kaufen, obwohl ich inzwischen gar kein Interesse mehr an dem Spiel habe (weil ich zwischenzeitlich die Demo gezockt habe und sich meine Begeisterung in Grenzen hielt). Trotzdem juckt es mir in den Fingern, das Teil zu kaufen. Verdammt!

Und das ist auch der Grund, warum sich die digitalen Spiel-Bibliotheken so rasant füllen. Es kommt ein Toptitel nach dem anderen dazu, und irgendwann häuft man den ganzen Kram einfach nur noch an, um es zu haben. Alles meins. Ich habe letztens auf Facebook in einer Gaming-Gruppe jemandes Post gesehen, wo er einen Screenshot von seiner Steam-Bibliothek gemacht hat. Rund 1600 Spiele. Ja ne, is klar. Rechnen wir mal ein bisschen:

Nehmen wir an, jedes dieser Spiele hätte eine durchschnittliche Spielzeit von 5 Stunden, was schon sehr niedrig angesetzt ist. Reihte man diese Zeit für alle Spiele aneinander, käme man auf 8000 Stunden Spielzeit, in Tagen umgerechnet 333. Würde man für jedes Spiel 7 Stunden Spielzeit schätzen, käme man bereits auf rund 466 Tage. Nonstop Spielen, ohne Essen, ohne Schlaf, ohne Leben. Und die Schätzung ist niedrig angesetzt, wenn man bedenkt, dass viele Spiele mit rund 10 Stunden Spielzeit daher kommen. Sagen wir mal, dass derjenige, der diese wahnsinnige Bibliothek hat, täglich ein Spiel durchzockt, also zehn Stunden spielt, dann müsste er das für 1600 Tage machen, also lange also knapp 4,5 Jahre.

Irgendwann wird auch ihm das zu langweilig. Außerdem: Wenn er sich in Jahr 4 seines Zockens befände, dann sind womöglich etliche der Spiele, die er sich in der Vergangenheit gekauft hat, bereits wieder veraltet , weil es bereits den (über) nächsten Nachfolger einer Serie gibt oder sogar die nächste Hardwaregeneration auf dem Markt ist. Darüber hinaus werden in dieser Zeit weitere hunderte Spiele zur Bibliothek hinzugekommen sein, sodass ein Durchspielen aller Spiele in einem Menschenleben nicht möglich ist.

Okay, das ist jetzt alles nicht wirklich überraschend, soll aber noch mal verdeutlichen, wie hirnrissig es ist, sich alles unter den Nagel zu reißen, obwohl man davon ausgehen kann, dass es nie dazu kommen wird, all diese Spiele zu spielen.

Von diesen 1600 Spielen kann man sicherlich noch etliche Demos und Minispiele abziehen, außerdem Titel, die er sich aus nostalgischen Gründen geholt hat und solche, die er angezockt hat und feststellen musste, dass sie schlecht sind. Mal ganz nebenbei: Wer hat die Spiele eigentlich alle bezahlt. Selbst bei einem Preis von nur einem Euro pro Spiel, was ja definitiv nicht so ist, fällt das Gesamtbudget aus dem Rahmen eines normalen Schülers, ja, sogar aus dem Rahmen eines gut verdienenden Vollzeit-Arbeitnehmers *hust*.

Die Qual der Wahl

Wie dem auch sei: Wir werden geflutet von Spielen und dazu verleitet, diese zu kaufen. Auf unseren Smartphones können wir nach Herzenslaune durch die Stores stöbern und kostenlose oder sehr günstige Games kaufen, die dann ebenfalls unseren Speicher vollknallen. Ganz zu schweigen von den unzähligen Gaming-Seiten, auf denen man tausende Casual Games umsonst zocken kann. Das Angebot ist dermaßen gigantisch, dass es immer schwieriger wird, die Perlen zu finden (als auch für die Publisher, die richtig guten Spiele zu bewerben).

Die Casual Games kann man nun sicherlich nicht mit gestandenen, in der Produktion sehr teuren Spielen namhafter Hersteller vergleichen, aber sie lenken unsere Konzentration darauf. Aktuell Spiele ich auf dem Smartphone dieses dämlich gute Hill Climbing Racing, was echt Laune macht, im Endeffekt aber kein befriedigendes Spiel ist, weil sich alles wiederholt. In der Zeit, die ich mit dem hirnlosen Daddeln auf dem Handy verplempere, könnte ich auch großartigere Dinge zocken, nämlich Spiele, die sowohl in meinem Schrank stehen als auch in der Steam Bibliothek versauern.

Das Überangebot an Spielen macht einen dröge. Die Motivation, etwas davon zu spielen, wird mit jedem Titel kleiner, weil man sich nicht entscheiden kann, welchem Spiel man den Vorrang gibt und welches, wenn es hart auf hart kommt, niemals gezockt werden kann. Das sind Gewissensbisse, die einen da plagen, immerhin hat man in den meisten Fällen ja auch Geld dafür ausgegeben. Man kann ja wohl nicht so verschwenderisch sein, um zwanzig Euro für ein Spiel ausgeben, das man niemals zockt?

Ich kann euch dahingehend aber beruhigen, denn es ist keine Schande, sich ein Spiel zu kaufen, das man eventuell niemals anrühren wird. Sicherlich ist es schade um das Geld, aber wer von euch war nicht schon mal bei Mc Donald’s und hat nen Zwanziger oder mehr ausgegeben. Ist das, realistisch betrachtet, nicht viel sinnfreier? Im Gegenteil: Fastfood bereitet für ein paar Minuten Freude und den Rest des Tages ein träges Gefühl. Auf lange Sicht ist es gesundheitsschädlich und damit wird eine menschen- und tierverachtende Industrie genährt, die in dieser Form gar nicht existieren dürfte. Ist das Geld, das man dafür ausgibt, nicht viel verschwendeter, als ein blaues Scheinchen für ein tolles Spiel, das theoretisch tagelange Unterhaltung bietet? Ich habe dahingehend zumindest kein schlechtes Gewissen mehr.

Trotzdem versetzt mir der Anblick meiner Steam Bibliothek einen Stich in die Brust, weil ich die Games förmlich schreien hören kann, gespielt zu werden.

Noch schlimmer ist es jedoch in meiner direkten Nachbarschaft. Da gibt es eine Person, die hat vom NES, über die Sega Konsolen bis hin zu Sonys und Microsofts Geräten alles, was man sich denken kann. Auch was die Spiele angeht. Diese Person besitzt ein Zimmer mit dicken IKEA-Schränken, die prallgefüllt sind mit den guten alten Cartridges von früher und den CDs und DVDs von heute. Tausende Spiele fristen ein einsames Dasein, weil es diese Person nicht mal in drei Leben schaffen würde, all dies zu spielen. Am PC spielt sie übrigens überhaupt nicht. Käme sie auf den Geschmack und würde Steam, Origin und Co. entdecken, dann Gnade dir Gott, Spieleindustrie, würdest du einen wahnsinnigen Absatz machen. Nur Rezensionen, die gäbe es leider nicht.

Zumindest nicht mehr in diesem Jahrtausend.

Zu guter Letzt würde ich gerne von euch wissen, wie viele Spiele ihr so gehortet habt und ob ihr glaubt, diese jemals alle Spielen zu können. Lasst es mich in den Kommentaren unter diesem Artikel oder auf Facebook wissen.

zu viele spiele

4 Kommentare

  1. Sehr guter Artikel!! Mehr davon Bitte :-) liebe Grüße

  2. Sehr guter Artikel! Es war eine Freude ihn zu lesen! Freue mich auf „mehr“ in diese Richtung. Liebe Grüße Mel

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