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Kais Kolumne – Die summenden Stimmen in meinem Kopf

In dieser Ausgabe von Kais Kolumne widmet sich unser kleiner Wunderschreiber dem Thema Musik in Spielen. Egal, ob sich ständig wiederholender 8-Bit-Titel oder ein orchestraler Surround-Soundtrack. Musik in Spielen ist ein Thema, an dem auch Kai nicht vorbei kommt.

 

 

Neun von zehn Stimmen in meinem Kopf sagen, ich sei nicht verrückt. Die Zehnte summt leise die Melodie von Tetris… Na, wisst ihr noch, wie es ging? Ich verspreche jedem, der das hier liest, den Rest des Tages einen wunderschönen Ohrwurm zu haben.

Zum Glück habe ich keine fremden Stimmen in meinem Kopf, aber Musik, ja die höre ich. Tetris war auch schon dabei. Und die Tetris-Musik ist gar nicht mal so schlecht, wenn ihr mich fragt. Schön eingängig, unverwechselbar und fast jedem spielebegeisterten Menschen auf dieser Welt bekannt.

Ich bekenne mich hiermit offiziell als Spielmusik-Fan. Auf meinem Computer lagern unzählige fantastische Stücke bekannter Blockbuster. Natürlich fahre ich nicht unbedingt auf die original Musikstücke ab, die mitunter aus der 16-Bit-Ära stammen, sondern auf Cover und Neuinterpretationen. So wurden einige Titel vor ein paar Jahren vom Londoner Symphonieorchester im großen Stil eingespielt und unter dem Titel Games in Concert auf CD gepresst.

Jährlich finden in der Kölner Philharmonie die Spielemusikkonzerte statt und erfreuen sich regen Interesses. Da fahre ich voll drauf ab.

 

Held der Autofahrt

Vor einiger Zeit saß ich mit anderen in meinem Auto, wir waren auf dem Weg zum Kino. Ich stecke den MP3-Player in den USB-Port des Autoradios und ließ meine Musik erklingen.

Ich gebe es zu: es war im ersten Moment ein bisschen peinlich, als das bekannte Zelda-Theme, vom Orchester gespielt, sich langsam aufbaute, um dann mit heroischen Fanfaren so richtig loszulegen. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Einerseits, weil ich es so gigantisch gut fand und gespannt war, wie die anderen darauf reagierten, andererseits, weil es mir unangenehm war, weil ich dachte, die anderen könnten mich für einen Nerd halten. Ich höre auch Popmusik und alles andere an Musikrichtungen, aber Gamesmusik gehört einfach gleichwertig dazu. Ist ja sogar Klassik, also Kultur …

Die Reaktion auf das bombastische Zelda-Gedröhn war positiv. Man lachte und fand es auch nicht schlecht. Hat der Nerd wohl einen guten Musikgeschmack. Darauf folgten Neuauflagen von Grand Theft Auto IV, natürlich Super Mario Bros., Monkey Island und sogar von Angry Birds. Mensch, was knallt das Stück gut rein, wenn es mit dem richtigen Sound daher kommt.

Manchmal schlendere ich über die Flure in der Psychiatrie, wo ich arbeite (… ja sicher, Kaius), und summe oder pfeife leise die Melodie von Sons of Skyrim, ebenfalls ein wahnsinnig gutes Stück. Bisher hat mich noch keiner darauf angesprochen, und wenn dem so sein sollte, dann sage ich einfach, dass das alles nur Einbildung sei. „Herr Doktor, bei Herrn Müller müssen die Psychopharmaka erhöht werden, er hört Musik aus Videospielen.“

Kleiner Scherz. Natürlich gehe ich verantwortungsvoll mit meinen Patienten um.

 

Shadow Of The Colossus – König der Gamesmusik

Trotzdem steckt in dieser Anekdote ein Fünkchen Wahrheit, denn die Musik aus Videospielen hat, wie so vieles aus der Gaming-Branche, einen niedrigen Stellenwert in der Gesellschaft. Habt ihr schon mal die Kampfmusik von Shadow Of The Colossus in den Charts gesehen? Nein! Warum eigentlich nicht? Und die mega hervorragende richtig überdimensional heftig verstörend, exorbitant geniale, hyper krasse Coverversion Wanderer On The Offensive? Die haut mich jedes Mal so richtig um. Das Teil hätte die Qualitäten für einen Charthit.

Aber in den Charts tummeln sich R ’n‘ B-Tanten und metrosexuelle Eunuchen, deren hohe Stimmchen sich wie glühende Eisen in mein Gehirn bohren. Vor ein paar Jahren gab es mal eine kurze Phase, wo Klassiker von z.B. Beethoven mit neuen Beats gemischt wurden. Dazu rappte man, machte ein paar coole Sprüche und fertig war der Charthit. Die Ergebnisse waren letztlich, ganz subjektiv gesehen, eher bescheiden.

Aber so scheint es zu funktionieren. Wer also mal ’nen schnellen Euro verdienen möchte, der nehme sich einfach eine bekannte Gaming-Melodie und texte darauf etwas, mache noch etwas Beatboxing und packe sich in den Schritt.

kai auf Koloss

Ob das aber wirklich funktioniert? Ich wage es zu bezweifeln, denn Mozart und Co. sind hoch angesehene Musiker der alten Schule. Deren Lieder zu covern kommt einer hohen Ehre gleich. Aber wer kennt schon Kow Otani, Koji Kondo oder Jeremy Soule?

Liebhaber von Games-Musik, die dieses Genre in ihr alltägliches Musikrepertoire aufgenommen haben, werden mitunter recht schief angeguckt, was nicht zuletzt an der Stellung von PC- und Videospielen im Allgemeinen liegt. Längst keine Freizeitbeschäftigung von nerdigen Einsiedlern mehr, leidet die Szene nach wie vor unter eben jenen plakativen Vorurteilen. Wie soll da die entsprechende Musik eine Sonderstellung einnehmen? Klar, Symphonieorchester nehmen sich der mitunter außergewöhnlichen Kompositionen an, doch im Grund fristen sie ein Schattendasein.

 

Hier steht was mit Sex, wie krass ist das denn?

Die populärsten Musikstücke der Videospielgeschichte handeln nicht von Sex, Drogen und Gewalt, wie es viele Hits der Pop-Charts tun, sondern untermalen friedfertige, bunte oder überschaubare Welten. Das berühmte Zelda-Lied (Overworld Theme) begleitet den heldenhaften Link, wie er sich durch abenteuerliche Welten kämpft, um seine Liebste zu retten. Bei Super Mario Bros. ist das Musikstück wild und konfus scheinend, wodurch die ebenso etwas surreale Welt des Klempners ihre Vertonung findet. Ein fettbäuchiger Italiener, der mit dem Schädel gegen Mauerstücke knallt und Pilzmonster platthüpft? Also wenn das nicht jenseits der Realität ist, dann weiß ich auch nicht.

Unkonventionelle Melodiefolgen, die in ihrer Gemsamtheit aber unheimlich einprägsam sind, zeichnen die berühmtesten Gaming-Stücke aus. Sie sind schon lange Teil unserer Popkultur geworden. Man sollte sich nicht scheuen, dies auch offen zu zeigen.

Manchmal nehme ich meinen USB-Stick mit auf die Arbeit, und während ich gerade Krisengespräche mit verzweifelten Menschen führe, läuft in einem Nebenraum, ganz ganz leise, die Musik von Tetris, und ich erinnere mich daran, dass wir alle nur Teil eines irrwitzigen Spiels sind.

Kleine Klugscheiß-Info am Schluss: Das Tetris A-Theme ist eigentlich ein altes russisches Gedicht und Volkslied namens Korobeiniki, wurde bereits in etlichen Filmen verwendet und behandelt das große Thema Liebe – und wie ein Hausierer seine Angebetete ins Roggenfeld lockt.

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