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Kais Kolumne – Die Psychiatrie in Spielen

Klischeehafte Orte in Videospielen

Computer- und Videospiele haben eines gemeinsam: Sie bedienen sich in den meisten Fällen typischen Settings, also Schauplätzen, die im Laufe der Jahre zu einem mehr oder weniger standardisierten Einheits-Klischee verkommen sind.

Nehmen wir mal ein x-beliebiges Jump ’n‘ Run. Wer mir ein Spiel aus diesem Genre nennen kann, in dem keines der folgenden Settings vorkommt, der schreibe es mir bitte als Kommentar unter den Artikel oder bei Facebook: Feuer/Lava/Hölle, Eis/Schnee/Winter, Wald, grüne Wiesen, Berge, Himmel/Luft, Höhle, Maschinen, Wasser/Meer, Wüste, Stadt, Friedhof/Grusel, Dschungel/Urwald. Na, kommen euch diese Orte bekannt vor? Es sind typische Landschaften und Umgebungen, die uns in fast allen Spielen begegnen. Feuer, Erde, Wasser, Luft, Licht, Dunkelheit. Alle Elemente und Zustände wiederholen sich, was gut und schlecht ist. So gibt es keinen neuen Mario-Titel, der nicht wenigstens zwei, drei dieser Klischees bedient. Eigentlich sind es häufig alle.

Auch im Horrorbereich wiederholen sich ähnliche Ortschaften. Keller, Gewölbe, verlassene Schlösser und Herrenhäuser, Wälder, Ruinen, verwaiste Städte, Friedhöfe, Krankenhäuser und Psychiatrien.

Im Irrenhaus steppt der Bär

Letzteres finde ich besonders interessant. Die Psychiatrie als wiederkehrendes Element in Horrorspielen. Warum geht gerade davon so eine unheimliche Atmosphäre aus, als dass diese Einrichtungen ständig für den richtig schockierenden Horror herhalten müssen? Dieser Frage möchte ich kurz nachgehen.

Es gibt zwei Arten der Psychiatrie. Zum einen gibt es die, die sich jeder vorstellt: Zwangsjacken und dutzende Napoleons. Zum anderen gibt es die reale, nämlich das Krankenhaus, in das ein großer Teil der Bevölkerung irgendwann in seinem Leben mal tiefergehende Einblicke bekommt. Völlig freiwillig. Aber das wäre für ein Horrorspiel zu langweilig. Ein Krankenhaus, das noch nicht mal aussieht wie eines und in dem alles darauf ausgelegt ist, dass man sich wohlfühlt? Öde, nicht wahr?

outlast psychiatrie

Wenn die Psychiatrie in irgendeinem Spiel eine tragende Rolle hat, dann entspricht sie dem typischen Klischee: Menschen, die gegen ihren Willen eingesperrt wurden, völlig unmediziert über die Gänge torkeln und sich für bedeutende Persönlichkeiten halten, die in Zwangsjacken vom Pfleger wie Hunde spazieren geführt werden, die die Knie umschlingend in den Ecken sitzend vor und zurück wippen und mit sich selbst sprechen, die bei dem kleinsten Mucks eine Spritze verabreicht bekommen und in die Gummizelle müssen, wo sie mit Blut satanische Botschaften an die Polsterung kritzeln. In dieser Psychiatrie befinden sich Depressive und Psychotiker auf engstem Raum miteinander, psychisch kranke Straftäter, die womöglich Menschen getötet haben, geistern über die Flure oder werden bei Wasser und Brot in den abgelegensten Winkeln der Irrenanstalt wie Tiere gehalten und von sadistischen Wärtern drangsaliert.

Menschen wie du und … alle anderen

Darf ich euch die Augen öffnen und verkünden, dass es so nicht ist? Viele haben wahrscheinlich ein solches oder ähnlich grauenvolles Bild von der Psychiatrie im Kopf, wird es uns doch immerzu von Film, Fernsehen und eben Computerspielen so verkauft. „Einer flog über’s Kuckucksnest“ ist eines der klassischen Beispiele dafür, wie die Psychiatrie heutzutage gesehen wird.

Aber wisst ihr was? Früher war es tatsächlich so, wenn auch nicht so dramatisch, wie es zum Beispiel in Outlast dargestellt wird. Bis in die 1970er Jahre wurden psychisch Kranke und Behinderte unter teils menschenunwürdigen Bedingungen gehalten. Die Behandlung stand eher im Hintergrund, die Verwahrung war das Maß der Dinge. Im dritten Reich wurden viele dieser Menschen getötet, auch die Jahre danach wusste man nicht so recht, wie man mit ihnen umgehen sollte. Sie wurden gefesselt, zwangsmediziert, in großen Gemeinschaftssälen wie Tiere zusammengepfercht und zuweilen für Experimente missbraucht. Zwangsjacken gab es wirklich, heutzutage werden sie, zumindest bei uns, nicht mehr benutzt, weil sie die Atmung beeinträchtigen und zu Verletzungen führen können. Auch die sogenannten Gummizellen gab es, weil man sich nicht anders zu helfen wusste, als tobende Patienten mit sich und ihren Emotionen und Ängsten alleine in einen klaustrophobisch verstörenden Raum zu sperren, bis sie vor Erschöpfung eingeschlafen waren. Ein durch und durch traumatisches Ereignis.

Glücklicherweise sind die Zeiten längst vorbei. Psychiatrie ist heutzutage einfach Krankenhaus mit Fokus auf der seelischen Gesundheit. Natürlich gibt es auch heute noch Menschen, die ein derartig verstörendes Bild liefern, dass einem als Laie Angst und Bange werden könnte. Aber das sind Momentaufnahmen. Geschlossene Krankenstationen gibt es nach wie vor, aber die Zustände dort sind in der Regel menschenwürdig und respektvoll.

Doch das Bild der alten, grausamen Psychiatrie hat sich in unsere Hirne gebrannt, weshalb viele Menschen auch Vorurteile haben, wenn jemand sagt, er sei psychisch krank oder werde von einem Psychiater behandelt.

In der Zwangsjacke in die Gummizelle und Spritze in den Po

Dieses Halbwissen, dieses anachronistische Bild dieser Institution, macht sich die Spieleindustrie zunutze, denn die „Klapse“ macht Angst. Zombies, die aus ihren Gräbern kriechen, sind cool, aber nicht realistisch. Vampire, Mutanten und Geister können einen gruseln, aber letztlich sind sie nichts weiter als Hirngespinste. Den Menschen gruselt es am meisten bei den Dingen, die in ihrer Form tatsächlich passieren könnten.

kuckucks_nest2Das Setting Psychiatrie ist der hervorragende Ort für die Angst vor dem Unbekannten. Und mal im Ernst: Wovor fürchtet man sich am meisten? Vor einem Patienten, der mit einem Gipsarm daherkommt oder dich im Rollstuhl verfolgt, oder vor einem Patienten, der körperlich völlig intakt zu sein scheint, dich aber nicht aus den Augen lässt, dir unheimliche Dinge erzählt, plötzlich schreit und dich für den Teufel hält, der ihm ans Leder will? Du versuchst ihm die Situation zu erklären, appellierst an seine Vernunft, aber er denkt, dass du ihn austricksen willst; sein Augen starren dich an und doch ist es, als sähen sie jemand anderen, der du gar nicht bist. Plötzlich kippt die Situation, er wird handgreiflich, weil er Angst vor dir hat, aber du weißt das nicht, sodass du fliehen musst. Er verfolgt dich, du hörst seine Schritte durch die Gänge hallen, Stühle fallen um, schweres Atmen kommt näher und du weißt, dass alles Reden nichts hilft. Da sind noch andere auf der Station, von denen du dir Hilfe erhoffst, aber sie sind mit sich selbst beschäftigt. Eine Frau schneidet sich die Unterarme auf und fleht dich an, ihr zu helfen. Warum macht sie das auch? Trotzdem tut sie dir leid, sie berührt etwas in dir, das dein Mitleid erregt. Der paranoide Patient von eben hat dich längst wieder vergessen und hat sich auf sein Zimmer zurückgezogen. Du redest mit der Patientin, versorgst ihre Wunden und denkst, du hättest ein gutes Werk getan, bis sie dir ein paar Minuten später wieder über den Weg läuft, mit der Rasierklinge in der Hand, sich den anderen Arm aufgeschnitten hat und dir das Gefühl gibst, du seist jetzt Schuld an ihrem Leid.

Psychisch kranke Menschen sind für diejenigen, die noch nie etwas damit zu tun gehabt haben, ein Buch mit sieben Siegeln. Es fällt einem unheimlich schwer, sich in diese Menschen hineinzuversetzen. Wie soll man auch nachvollziehen können, wie es ist, Stimmen zu hören, die einem befehlen, sich das Leben zu nehmen? Ist das nicht völliger Unsinn? Und kann man tatsächlich so traurig sein, dass man keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht? Gib den Leuten links und rechts eins um die Ohren, damit sie wieder zur Vernunft kommen! Was ist mit jenen Menschen, die mit einem Mal so laut und lustig sind, ihr Geld wie irre ausgeben, ihre Sexualtriebe ungehemmt ausleben, sich verschulden, frech werden, beleidigend sind, aggressiv werden und weggesperrt werden müssen? Haben die sie noch alle?

Uns sind die Hände gebunden. Wir können kein Pflaster aufkleben, keinen Arm schienen oder ihnen raten, sich ein paar Tage ins Bett zu legen und ihre Krankheit auszukurieren. Psychische Erkrankungen sind nicht alltagstauglich, Laienrat hilft kaum weiter. Die Psychiatrie, ihre Erkrankten und die Behandlungsmethoden liegen hinter einem Schleier des Unwissens.

Feuer im Irrenhaus – ein perfektes Szenario?

In Outlast ist etwas Katastrophales geschehen. „Irre“ geistern durch die Flure und trachten uns nach dem Leben. Völlig Verstörte brabbeln sinnloses Zeug, was uns Angst macht. Wir können nicht einschätzen, was als Nächstes passiert. Aber es geht auch etwas harmloser. In Sanitarium von 1998 erleben wir die Psychiatrie aus Sicht eines Patienten, der unter Gedächtnisverlust leidet und versucht, seine eigene Identität aufzudecken. Eine intelligente Story kombiniert sich mit typischen Klischee-Irren. Bei Batman: Arkham Asylum befinden wir uns bei den ganz harten Burschen, nämlich in der Forensik, also dem Bereich, wo psychisch kranke Straftäter untergebracht sind. Alles ist düster und unheimlich und irgendwie aus dem Ruder gelaufen, wie so oft.

Kleine Anekdote: Als ich mal auf einer geschlossen psychiatrischen Station gearbeitet habe, gab es ein Feuer, das einer der Patienten gezündelt hatte. Die Station musste evakuiert werden. In der Fiktion hätte das so ausgesehen: Mehrere Wahnsinnige vereinigen sich und proben einen Aufstand, viele bis dahin halbwegs stabilisierte Patienten fallen in alte Verhaltensmuster zurück und rasten aus, schlagen um sich. Mache verschanzen sich aus Angst in ihren Zimmern, andere lassen sich regressiv auf den Flur fallen und heulen, reden mit sich und den Stimmen in ihren Köpfen. Das Pflegepersonal läuft wild durcheinander, versucht, fliehende Patienten einzufangen. Es kommt zu Rangeleien, ein Selbstmordgefährdeter flieht aus der Klinik und schmeißt sich vor den Zug, der Strom fällt aus, alles ist verraucht, völlig desorganisierte Patienten irren durchs Haus und kennen weder Freund noch Feind – ein wahres Horrorszenario.

Die Wahrheit sah langweiliger aus. Die Türen öffneten sich und alle erklärten sich ohne Diskussion bereit, gemeinschaftlich die Nachbarstation aufzusuchen, wo man mehr oder weniger geduldig wartete, bis die Station, auf der das Feuer gewütet hatte, wieder bewohnbar war. Ende. Keine Eskalationen, keine Suizide, keine Panik und kein Horror.

Bei Edna bricht aus gibt es durch und durch verrückte Leute, was echt lustig ist. Man gewinnt den Eindruck, dass der Großteil der Insassen einer Psychiatrie einfach nur einen Dachschaden hat und unterhaltsam für die Mitmenschen ist. Ich hatte es ehrlich gesagt noch mit keinen Patienten zu tun, die dauerhaft als Jesus versucht haben, ihre Mitpatienten zu bekehren. Auch der typische Verfolgungswahn ist in der Regel nie von langer Dauer, sofern er denn behandelt wird. Werden gerade diese als umgangssprachlich schizophren bezeichneten Erkrankten nicht behandelt, indem sie zum Beispiel in einer einsamen Hütte im Wald ihr Dasein fristen, dann kann es durchaus sein, dass sich ein Krankheitsbild bietet, das denen aus manch einem Film oder Spiel nahe kommt. Aber diese Ausnahmen sind selten.

Latex-Mario im Freudenhaus

Ich würde mir wünschen, dass die Spieleindustrie sich neue Settings sucht, um Gamer zu unterhalten. Mittlerweile sind sämtliche bekannten Ortschaften mehr als abgenutzt. Bekomme ich mit, dass ein Spiel in der Psychiatrie handeln wird, dann weiß ich bereits, mit welchen Klischees ich rechnen kann, genau wie bei den Eiswelten in Jump ’n‘ Runs, RPGs und Rennspielen oder den obligatorischen Wüstenlevels in allen anderen Genres.

Wie wäre es zum Beispiel mal mit einem Plattformer im Finanzamt? Beamte, die einem das Weiterkommen schwer machen, indem man genötigt wird, Passierschein A38 zu erhalten? Wir hüpfen auf Drucker und Aktenstapel und bauen uns Treppen aus ranzigen Aktenordnern.

Oder wie wäre es mit einem Horror-Survival im Kindergarten? Der laufende Betrieb genügt schon, um das Gefühl fortwährenden Irrsinns zu manifestieren und uns schweißnass von Level zu Level zu schleichen, weil wir Angst haben, dass um die nächste Ecke bereits die Erzieherin wartet, die uns mit Window-Color den Garaus machen will.

Das nächste Super Mario-Spiel kann uns gerne mal durch die trostlose Tundra Sibiriens schicken, Link könnte im kommenden The Legend Of Zelda-Titel ruhig einen Dungeon betreten, der als Setting ein Freudenhaus bietet. Tadadadaaa! Du hast die neunschwänzige Katze gefunden. Hau der Domina damit ordentlich auf den Pöppes, um Prinzessin Zelda aus den Fängen der Freier zu retten. Das wäre doch mal was. Was glaubt ihr, wie das den Spielemarkt aufmischen würde?

Ein Kommentar

  1. XD Da ist jemand ein Asterix Fan ^^.
    Glaube es kommt auch noch auf die Länder an. In Deutschland ist man mittlerweile tatsächlich der Heilung verschrieben und trotz ggf. Budgetmängel geht es den Menschen recht gut…Frage ist dann aber wie es in anderen Ländern aussieht. Glaube nicht alle Länder sehen das mit der Heilung gleich – einige wollen die Menschen einfach nur weggesperrt sehen nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Warum einem Mensch der unproduktiv ist und gerade in schweren Fällen wohl auch immer sein wird eine Behandlung „spendieren“. Damit meine ich aber eher Länder die in Richtung 3. Welt gehen.

    Ich erinnere mich aber noch vor ca 15 Jahren an die „Intensivstation“ in Kroatien. Meine Tante lag dort wegen einem Schlaganfall. Der Raum war winzig, grau mit einem winzigen kleinen Fenster. Da waren drei Betten drin und die standen so nah aneinander das ein Arzt kaum rumkam. Ansich war nur in der Mitte zwischen den Betten ein kleiner Gang frei…wären da zwei Familien zu Besuch angekommen hätten die nicht gleichzeitig reingehen können so eng war das im Raum. Was ich damit sagen will…ich will nicht wissen wie Psychatrien zu dem Zeitpunkt in Kroatien waren wenn schon die Intensivstation nett gesagt beschissen war. Die Krankenhäuser haben sich mittlerweile zwar deutlich gesteigert aber hinken dem deutschen Vorbild noch hinterher.

    Wo ich das Bild sehe…Sanitarium müsste aber eigentlich ganz gut gewesen sein…glaube ich jedenfalls. Meine mich zu erinnern das die Anstalt dort mit einem großen grünen Park dargestellt wurde und die „Höllenvisionen“ dann nur in seinem Kopf vorkamen. Mag mich da aber auch irren da es eine Ewigkeit her. Outlast ist aber natürlich das totale Klischeebeispiel der Spielebranche ^^. Alles verdreckt, Experimente an Patienten, Kannibalen die rumrennen…ja sogar ein Ex-Naziarzt gab es XD.

    Ich fand das Spiel aber trotzdem gut *hust* ;)

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