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Kais Kolumne – Der Let’s Player: Das unbekannte Wesen

Let’s Player sind schon eine ganz eigene Gattung in der Medienwelt. Komische Vögel sind das, oft exzentrisch und irgendwie verschroben. Sitzen da zu Hause in ihrem Kabuff, schwitzend, stinkend, quarzend und plappern einen Müll in ihr Mikrofon, dass es nur so rauscht. Währenddessen läuft ein x-beliebiges Spiel, okay, es ist Minecraft, das eh keinen interessiert. Damit wird dann YouTube zugemüllt und der Let’s Player sitzt daheim und starrt lechzend auf sein Adsense-Konto, um zu sehen, wie sich sein immenser Reichtum von Stunde zu Stunde vermehrt. Von dem erworbenen Geld kauft er dann Drogen und billigen Alkohol, um sich den Rest seines Lebens in Wanneeickel zur Ruhe zu setzen.

Na, erkennt sich jemand wieder? Ich hoffe nicht, denn das, was ich geschrieben habe, ist völliger Unsinn. Wie ihr merkt, habe ich etwas überzogen, doch im Kern des Ganzen findet sich, wie so oft im Leben, ein Fünkchen wahrheit. Aber nicht Wahrheit bezogen auf den konkreten Inhalt, sondern auf die Mutmaßungen und Klischees, die es über das friedliebende Volk der Let’s Player gibt.

Ich habe mal in der Stadtbücherei von Hintertuftingen geschmöckert und dort in einem jahrunderte alten Lexikon die korrekte Definition von Let’s Player gefunden:

 

Let’s Player (v. altgr. letsus lassen, lasset uns, so lasset uns denn nunmehr playritius spielen, zocken, geschmeidige Spielereien vollziehen). mask.: Der Let’s Player; fem. Die Let’s Playerin (wobei die weibl. Neigung d. Wortes eine Verballhornung des ins Englische übertragenen Originals darstellt).

Der Let’s Player findet sich in allen Teilen der Erde, vorzugsweise in den Industrienationen. Er lebt mit dem homo sapiens in einer engen Gemeinschaft und nimmt, mal mehr, mal weniger, an dessen täglichen Leben teil.

Sein natürlicher Lebensraum ist relativ klein, weshalb die Haltung unkompliziert ist. Ein paar Quadratmeter Raum (Material ist irrelevant), eine Sitzmöglichkeit sowie einige elektronische Geräte reichen ihm, um zufrieden zu sein. Ebenso ist die Ernährung unkompliziert: Feste Nahrung gönnt er sich nur zwischen den sog. Aufnahmesessions (eine ganz und gar eigentümliche Angewohnheit). Wichtig, um ihn nicht zu verärgern, ist ein möglichst ständig gefülltes Wasserglas in der Nähe seiner Sitzmöglichkeit. Wasser braucht er, um seiner immerwährenden Tätigkeit zuverlässig nachkommen zu können.

Der Let’s Player ist nachtaktiv, was voraussetzt, dass ihm Schlaf bis in den Nachmittag gegönnt werden muss. Im Umkehrschluss heißt das, dass in der Nacht die Ruhebedürfnisse anderer Lebenwesen, die den Lebensraum des Let’s Players tangieren, sichergestellt sein muss.

Der Let’s Player macht im allgemeinen wenig Dreck und kaum Lärm. Mit Artgenossen verträgt er sich in der Regel gut, in seltenen Fällen können sich Let’s Player auch zusammenrotten. Sollte der geneigte Halter dies in Erwägung ziehen, ist darauf zu achten, dass jeder Let’s Player weiterhin als Individuum gesehen werden und entsprechend behandelt werden muss. Geschieht dies nicht, kann es zu Revierkämpfen und fiesen Anfeindungen kommen.

Merke: Aufmerksamkeit ist des Let’s Players Lebenselixier. Fühlt er sich vernachlässigt oder nicht ernst genommen, verkümmert er und wird wieder Teil der normalen Gesellschaft.

Die Haltung eines Let’s Players setzt in Deutschland mindestens eine 6000er DSL-Leitung ohne Volumenflatrate voraus, damit es zu keinen unerfreulichen Folgekosten kommt.

 

Wow, was für eine Definition. Sie entspricht so gar nicht dem, was ich als erstes geschrieben habe. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass auch an dieser Definition irgendetwas faul ist.

Woran könnte es liegen? Vielleicht liegt es einfach daran, dass sich Let’s Player nicht in irgendein Schema pressen lassen können, dass eine genaue Definition sehr schwer ist (die genaue Definition des Let’s Playens ist einfach, einen Let’s Player konkret zu definieren ist fast unmöglich).

Let’s Player – hyperaktive und arbeitslose Milchbubis mit Vollbart und abgeschlossenem Studium?

Let’s Player sind unglaublich verschieden, vielfältig, abwechslungsreich. Es gibt alte, junge, pubertierende Menschen, Männer, Frauen, mit und ohne Dialekt, mit Gossenhumor oder mit studentischer Akribie, Vollbärtige, Milchbubis, Hyperaktive und Schlaftabletten, Fluchende und Sich-gewählt-Ausdrückende, Klone und Experimentierfreudige, Versaute, Lustige, Müde, Spitzfindige, Plumpe, KiltKaius, Dauerbrenner und Eintagsfliegen, Schüler, Väter, Rentner, Arbeitslose, Vollerwerbstätige, Saucoole oder Oberpeinliche, Nervensägen, Schwule, Lesben Deutschtürken und noch viel viel mehr.

Das Let’s Playen ist sehr facettenreich und das macht es so verdammt interessant. Nicht umsonst ist dieses Videoformat eines der erfolgreichsten auf YouTube.

Let’s Player haben sich ihr ganz eigenes Genre geschaffen, sich darin gefunden und perfektionieren es ständig weiter. Die Community ist gigantisch und, das ist kein Geheimnis, es wird auch mal bei dem ein oder anderen etwas abgekupfert. Letztlich läuft es aber darauf Merkel als Let's Playerin?hinaus, dass bestimmte Arten zu let’s playen verbessert werden, um irgendwann mal die perfekte Mischung aus Unterhaltung und Anspruch hinzubekommen. Dahingehend sind Let’s Player die Pioniere auf einem völlig neuen Gebiet der Unterhaltung.

Wir wissen ja alle, dass das Internet für uns noch immer Neuland ist …

 

Wie mag dieses Format in ein paar Jahren aussehen? Ich beobachte, dass das reine Let’s Playen, also das Aufnehmen des Zockens eines Spiels während live kommentiert wird, immer weniger wird. Stattdessen erproben sich hier und da neue Funktionen. Die Facecam, die nun auch schon etwas länger dabei ist, ist nach wie vor ein gern gesehenes Gadget bei z.B. Horrorspielen, um die hässlich entstellten Angstfratzen der Let’s Player gleich auf dem Schirm zu haben. In einigen Fällen wird sogar mit Greenscreentechnik gearbeitet, damit wirklich nur noch die Visage des Spielers zu sehen ist. Hinzu kommen Videoeffekte, um besonders interessante Spielsituationen zu untermauern, schnelle Schnitte, dramatische Musik, Livestreams, Ingame-Treffen mit der Community etc. Alle paar Monate kommt ein neuer Trend, der sich wie ein Lauffeuer durch die Szene wälzt, und der dann perfektioniert wird.

Ob es das Let’s Playen in ein paar Jahren noch gibt, sei dahingestellt, denn auch, wenn dieses Format kostenlose Werbung für die Publisher bedeutet, wissen wir nicht, was sich YouTube oder andere involvierte Institutionen in Bezug auf das Urheberrecht noch einfallen lassen.

So lange genießen wir noch diese herrlich verrückten Menschen mit ihren Geschichten, ihren Games und ihren Macken.

5 Kommentare

  1. Haha super geschrieben, mehr davon! :)

  2. Dieser Artikel ist Legen….där :D

  3. Da erkennt man als Let’s Player sich selbst doch zum Teil wieder. Jedoch ist es kein Glas Sasser das neben mir steht sondern eine Flasche Eistee ;)

  4. Dei Stil ist einfach genial! XDDD

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