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Kais Kolumne – Das Leben ist (k)ein Simulator

Wie letzten Sonntag, präsentieren wir euch auch diesmal wieder Kais Kolumne. Kai setzt sich in dieser Woche damit auseinander, welchen Reiz ein Simulator ausübt und dass immer mehr Menschen dem Wahn verfallen, das „echte Leben“ am PC oder der Konsole nachzuspielen.

Simulator Sammlung

Die Realität ist nicht immer nur bunt und fröhlich, wir haben nicht ständig Urlaub und posten Bilder von unserem Hawaii-Urlaub auf Facebook. Maximal vom Urlaub in Wanne-Eickel. Bei Regen. Im November. Mit einer fetten Erkältung. Und Fußpilz. Vielleicht gehen wir auf Partys. Dort saufen wir uns die Hucke voll, während irgendjemand oberpeinliche Bilder von uns macht, die dann auf ominöse Weise im Netz landen. Oh Mann, das Leben kann schon hart sein.

Glücklicherweise ist es aber möglich, sich mittels Videospielen in eine andere Dimension zu zaubern. Plötzlich sind wir Magier, Retter der Welt oder Architekt einer gigantischen Stadt. Das mag mal eine ganz nette Abwechslung sein, doch wo bleibt da der Bezug zur Realität? Findige Spieleentwickler haben unsere Not jedoch erkannt und können diesem Dilemma Abhilfe schaffen. Zumindest haben sie uns Möglichkeiten eröffnet, uns im Alltag eines anderen zu langweilen.

Ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir. Das Gehirn pocht, der Rücken knackst, die Füße fühlen sich an wie überreife Tomaten. Mit einem kraftlosen Hieb stoße ich die Haustüre hinter mir zu und lasse den Stadtlärm draußen. Völlig ausgelaugt vom Alltagstrott sinke ich in meinen Sessel vor dem PC und starte meine kleine Insel der Ruhe. Den Gartensimulator. Ach, wie gut das tut. Einfach mal Rasen mähen, einfach mal Kopfsalat pflanzen oder Gartenzwerge setzen. Wie gut, dass ich meine Lebenszeit darin investieren kann, denke ich, während vor meinem Fenster die Sonnenblumen mit verdorrten Hälsen ihre stummen Schreie an mich richten.

rock simulatorSo geht das ein paar Stunden, bis ich heiß werde auf noch mehr Meditation. Bei Steam Greenlight finde ich den Rock Simulator. Ein Stein sein. Aufregend bis in die letzte Pore. Ich rolle Hügel hinab und … rolle Hügel hinab. Manchmal muss ich auch Hindernissen ausweichen. Und wenn ich es geschafft habe, bleibe ich liegen. In Kombination mit dem Gras Simulator wäre die Welt perfekt.
Rasch schmeiße ich den Australian Road Trains Simulator an und fahre Stunde um Stunde durch die karge australische Hitze. Meine Finger schlafen ein, aber ich befinde mich in einem Zustand absoluter Ruhe und Zufriedenheit. Ich glaube, dass ich dem Nirvana ein Stückchen näher komme; der Dalai Lama wäre stolz auf mich.

In den nächsten Wochen verliere ich mich vollends in den Simulatoren. Die Wirklichkeit verschwimmt, die Fiktion wird zur Realität. Habe ich die rote oder die blaue Pille genommen? Ich weiß es nicht mehr. Alles, was ich weiß, ist, dass ich ein besserer Holzfäller bin, als ich dachte. Und tauchen kann ich auch. Zur Titanic. Haben bisher noch nicht so viele Menschen gemacht.

 

Wenn ich der Arbeit überdrüssig werde, ja dann vergnüge ich mich auf der Reeperbahn. Natürlich im Simulator. Ich fahre mit der Schwebebahn, mit dem Omnibus, ich bestelle Felder und springe mit dem Bungee-Seil. Und immer wieder donnere ich mit dem Zug und mit fetten Trucks über die Pisten. Ich bin der Herr der Schienen, der Meister des Weizens, der Gott der Ziege.

Klo SimulatorIrgendetwas stinkt. Bin ich es, der ewig nicht geduscht hat? Aber ich habe doch vorhin noch während der Agrar-Simulation im Regen gestanden. Oder habe ich nach dem Klo-Simulator nicht abgezogen? Für einen winzigen Augenblick finde ich ins Hier und Jetzt zurück und stelle erleichtert fest, dass ich meinen Bildschirm nicht für mein großes Geschäft missbraucht habe.

Mir kommen Zweifel an meiner Leidenschaft. Wozu brauche ich um Himmels Willen einen Klo-Simulator? Das habe ich doch schon tausendmal gemacht! Und keine Simulation der Welt kann das befreiende Gefühl nachstellen, das entsteht, wenn ich unter Einsatz meiner geballten Leibeskräfte schwitzend und schnappatmend mein Innerstes nach außen … ach, lassen wir das.

Blinzelnd kehre ich dem PC den Rücken zu. Die Wohnung sieht staubig grau aus, das Licht funktioniert nicht mehr. Komisch. Wo muss ich denn jetzt hier klicken, um den Strom zu bezahlen? Echt mies gemacht. Am Kühlschrank trifft mich eine bleierne Wolke der Verwesung, meine Hitpoints sinken beträchtlich. Soll ich jetzt etwas raus gehen und Nahrung beschaffen? Ich blinzle durch den Vorhang nach draußen. Ein Bus fährt vorbei. Mir huscht ein Lächeln übers Gesicht. Das kann ich auch, habe die letzten Wochen viele Passagiere befördert. Wer mag wohl am Steuer sitzen? Meine Finger simulieren die Bewegungen der Maus, ich befinde mich im WASD-Fieber. Krass! Ich habe den Bus um die Ecke gelenkt.

Wieder vergehen Stunden, in denen ich am Fenster stehe und die Kehrmaschinen lenke, die Flugzeuge am Himmel dirigiere oder das beschauliche Leben aus Sicht der Straßenlampen in Augenschein nehme. Ich bin eins mit der Welt, ich brauche keine Fotos auf Facebook posten, die mich in gestellt lockeren Posen zeigen, um allen zu beweisen, dass ich lebe.

Bloß eine Sache fehlt mir noch zu meinem Glück, und ich hoffe, dass ich sie bald erreiche: den Simulations-Simulator.

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