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H1Z1 – Kapitel 7: Mama

15. Januar 2015

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H1Z1 – Kapitel 7: Mama

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David „DoubleD“ Kennedy: 

Eines der eher überraschenden Interviews, die ich führte, war mit einer Frau Mitte zwanzig, die jeder „Mama“ nannte. Ich fand es seltsam, dass sie so einen Spitznamen hatte, besonders weil es Frauen gab, die älter und erwachsener waren als sie. Darum fragte ich sie danach und ich habe es seit dem immer bereut.

[Start der Aufnahme]

David: Danke, dass du dem Interview zugestimmt hast. Dies ist Aufnahme siebzehn, ein Interview mit Christa Philips. Alter 26.

Christa: Einfach Mama. Jeder nennt mich hier Mama.

David: Warum das?

Christa: Ich kümmere mich um die Kinder.

David: Du allein?

Christa: Nein, es gibt noch andere. Aber ich bin diejenige, die die Kinder Mama nennen. Sofie, ein kleinwüchsiges Mädchen, das mit uns fährt, hat damit einmal angefangen und die anderen Kinder haben es übernommen.

David: Das ist irgendwie süß. Magst du es?

Christa: Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?

David: Nicht wirklich. Diese Aufnahmen werden gemacht um…

Christa: Verfickt, ich hasse es!

David: Warum?

Christa: Weil die meisten dieser Kinder ihre Eltern verloren haben. Sie haben ihre richtigen Mütter und Väter verloren und nur weil ich mich um sie kümmere, projizieren sie es auf mich. Genau wie Baby-Enten. Ich bin nicht ihre Mutter und das tötet mich jedes Mal ein wenig, wenn sie es zu mir sagen. Es ist lustig, man sollte denken, man gewöhnt sich daran und es tut irgendwann weniger weh. Aber ich schwöre zu Gott, es schmerzt jedes Mal mehr.

David: Warum bringst du sie nicht dazu, dich anders zu nennen?

Christa: Weißt du, wer ich war, bevor das hier alles angefangen hat?

David: Nein. Das ist unter anderem ein Grund für diese Aufnahme.

Christa: Ich war eine Hausfrau. Ich lebte einen Vorstadt-Traum. Ich hatte ein schönes kleines Haus, einen erfolgreichen Mann mit einer guten Anstellung und wir hatten erst kürzlich geheiratet und waren bereit, uns niederzulassen. Es war die Art von perfektes Leben, die man nur in Zeitschriften liest oder die man im Fernsehen sieht. Und ich habe all das gehabt! Marry Kay! AVON! [Anm. d. Red.: Hersteller von exklusiven und teuren Kosmetikartikeln, die auf privaten Parties verkauft werden] Sogar diese Parties für Entspannungskerzen, mit den kleinen duftenden Stäbchen, waren nicht wirklich langweilig. Das war mein Leben und ich liebte es!

David: Es hört sich so an, als wäre es wirklich toll gewesen.

Christa: Das war es wirklich. Wir lebten in diesem schönen kleinen Haus am Ende der Sackgasse in der Pinienoasen-Straße. Pinienoase. Es mag sich jetzt blöd anhören, aber damals fühlte es sich an, als wäre es Beverly Hills. Als die Seuche, oder wie immer man es nennt, uns dann traf, hätten mein Ehemann Teddy und ich eigentlich keine Chance haben dürfen. Ich weiß nicht mehr, wie wir da lebend herausgekommen sind. Ich erinnere mich noch an meine Nachbarin Sarah, die von unserem BMW abprallte und über das Dach wegrollte. Sarah, die mehr AVON gekauft hatte, als eine einzige Frau verbrauchten konnte. Die gleiche Sarah, die immer noch meine besten Kuchenformen hatte. Sie war tot und versuchte aus uns das Gleiche zu machen.

David: Sie war nicht mehr deine Freundin. Du weißt das, oder?

Christa: Trotzdem macht es das nicht wieder gut. Teddy und ich haben die nächsten Tage mit dem Versuch verbracht, am Leben zu bleiben. Tagsüber parkten wir und versteckten uns irgendwo. In verlassenen Hotels, auf der Ladefläche eines Lieferwagens oder an irgendeinem anderen Platz, den wir finden konnten und wo wir uns sicher fühlten.

Nachts fuhren wir weiter. Langsam und ohne Scheinwerfer. Wir fuhren einfach. Hin und wieder trafen wir irgendetwas oder irgendjemanden und fuhren trotzdem weiter. Wir wussten nicht, wo es hin ging. Wir wussten nur, dass irgendein Ort sicher sein musste. Irgendein Ort musste besser sein, als dieser hier. Eines Morgens, kurz nach Sonnenaufgang, entschieden wir uns, in eine kleine Drogerie an einer Straßenecke einzubrechen. Sie hatte getönte Scheiben und eine verrammelte Tür und war leer, soweit wir es beurteilen konnten.

David: War sie denn leer?

Christa: Ja, das war sie. Aber es war schwieriger hinein zu gelangen, als wir es gedacht haben. Ohne Werkzeuge stoppt eine verschlossene Tür die Lebenden genau so gut, wie die Toten. Aber Teddy konnte so leicht nicht davon abgebracht werden. Er war überzeugt, dass dort drinnen Essen und Vorräte liegen mussten. Also haben wir uns weiter angestrengt. Er benutzte schließlich die Reifenzange aus dem Auto. Du weißt schon, diese billigen kleinen Dinger, die sich sofort verbiegen. Wir waren fast drin, als ein Zombie um die Ecke schlurfte und mich direkt am Hinterkopf packte. Ich dachte, ich wäre erledigt. Teddy stieß einen tiefen Schrei aus und stieß den Zombie zur Seite. Er zog ihn direkt von mir herunter. Teddy war kein großer Kerl, um ehrlich zu sein. Er war schmächtiger als die meisten. Er war ein Programmierer, die ja nicht gerade für ihre Körperkraft bekannt sind. Aber zu diesem Zeitpunkt, da war er Herkules. Sie rollten einen Moment über den Boden, bis Teddy oben auf war und das Reifeneisen benutzte, um dem Ding den Schädel einzuschlagen. Immer und immer wieder, bis es sich nicht mehr bewegte. Ich habe ihn noch nie so gesehen.

David: Angst ist ein starker Motivator.

Christa: Und so wurde er gebissen. Ich habe es nicht sofort gemerkt, aber als Teddy mit dem Ding gekämpft hat, da hat es ihn gebissen. Es war keine schwere Verletzung, noch nicht einmal ein richtiger Biss. Es hat ihm gerade einmal die Haut abgeschürft, aber es hat ausgereicht. Wir schafften es in das Haus und verriegelten die Tür hinter uns. Dann begannen wir zu weinen. Ich weiß nicht mehr warum. Vielleicht war es die Angst, die Erleichterung entkommen zu sein oder einfach nur das Adrenalin. Wir saßen da, lehnten uns gegen die Tür und weinten.

David: War er infiziert?

Christa: Ja. Ich meine, wir haben die Wunde mit Alkohol abgerieben und sie gut bandagiert. Aber nach circa einer Stunde setzte das Fieber ein.

David: Das tut mir leid.

Christa: Hast du es jemals gesehen? Hast du je gesehen, wie jemand von kompletter Gesundheit zu dieser Krankheit übergeht? Hast du gesehen, wie es ihnen schlecht geht und sie dann sterben?

David: Ja.

Christa: Es ist zum Kotzen, oder?

David: Ja.

Christa: Als Teddy starb, wusste ich nicht, was ich machen sollte. Ich wusste, ich hatte nicht die Kraft um… ihn davon abzuhalten eines dieser Dinger zu werden. Ich meine, ich konnte einfach nicht das tun, was die Nachrichten uns gesagt hatten, was man tun sollte.

David: Was hast du also getan?

Christa: Ich habe ihn vor die Tür gezogen und sie hinter mir geschlossen.

David: Hat er sich verwandelt?

Christa: Ich konnte ihn auf der anderen Seite der Tür hören. Er stöhnte, stand auf und schlurfte umher.

David: Was hast du dann getan?

Christa: Ich habe mich betrunken. Das habe ich getan. Ich lag dort herum und war komplett besoffen. Die Drogerie hatte einen Kühlschrank. Obwohl alles nun warm wie Pisse war, trank ich, bis ich dachte ich müsse mich übergeben. Dann ging ich zur Medikamentenabteilung, nahm eine Hand voller Pillen hinterm Tresen hervor und brachte es zu Ende.

David: Du wolltest dich umbringen?

Christa: Nein. Nicht mich. Es war eine Hand voller Pillen für danach. Ich denke, es hätte mich auch töten können, aber in diesem Moment war es mir egal.

David: Du warst schwanger?

Christa: Im dritten Monat. Wie ich sagte, ich lebte den vorstädtischen Traum. Aber da jetzt die Hölle auf Erden wandelte, wollte ich kein Kind in diese Welt setzen. Nicht allein. Nicht wenn es enden könnte wie….

David: Es tut mir so leid.

Christa: So haben sie mich dann gefunden. Die Karawane. Zu Tode blutend durch die Fehlgeburt, völlig betrunken und halb bewusstlos, in einer Drogerie. Sie haben mich gewaschen. Sie kümmerten sich um mich und gaben mir einen Grund, um weiter zu machen. Deshalb bin ich für sie alle jetzt Mama. Es ist egal wie weh es tut, denn sie verdienen es, eine Mama zu haben und ich verdiene es, mich an das zu erinnern, was ich getan habe.

David: Du hast getan, was du für das Beste gehalten…

Christa: Es tut mir leid, ich denke, wir sind fertig. Ich muss zurück zu den Kindern.

David: Natürlich. Weißt du… Ich wollte nur… Ich danke dir! Ich danke dir wahrhaftig dafür, Christa.

Christa: Ich heiße Mama! Immer nur Mama.

David: Ich danke dir, Mama.

[Ende der Aufnahme]

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André startete sein Spielerdasein zu Zeiten des ersten Commodore 64. Grund der Sucht war das Actionspiel Loadrunner. Seitdem treibt er in verschiedenen Spielecommunities sein Unwesen. Nach Stationen bei Deutschlands kranker Horde in Counterstrike 1.6 ging es über das Browserspiel GalaxyNetwork, wo er später als GameMaster tätig war, zum Suchtspiel World of Warcraft. Hier durfte er sich bei der deutschen Gilde Affenjungs INC voll austoben.